Marguerite Duras
Zum hundertsten Geburtstag

11. April bis 8. Mai 2014
 
Das Klavier begann zu spielen. Das Licht erlosch. Suzanne fühlte sich unsichtbar, unbesiegbar und begann vor Glück zu weinen. Das war die Oase, der dunkle Saal am Nachmittag, die Nacht der Einsamen, die künstliche und demokratische Nacht, die große, alles gleichmachende Nacht des Kinos, die echter ist als die echte Nacht, entzückender und tröstlicher als alle wahren Nächte, die auserwählte Nacht, die allen offen ist ...
(Marguerite Duras, 1950)

 
Die französische Kultur kennt nur zwei Künstler, die als Filmschaffende von ebenso großer Bedeutung sind wie als Literaten: Jean Cocteau und Marguerite Duras (1914–96). Während ersterer auch als Regisseur populär wurde, blieb letztere lange Zeit ein cinephiles Geheimnis: Man wusste zwar, dass Duras Filme machte – in den 1970ern, ihrer Hauptschaffensphase, fast jedes Jahr einen –, doch nur wenige hatten diese Werke gesehen. Dabei war Duras zuvor schon in zentraler Funktion an einigen kanonischen bzw. vieldiskutierten Filmen beteiligt gewesen; und auch in ihren Romanen spielte das Kino eine bedeutende Rolle: als Sehnsuchtsort, dessen „künstliche und demokratische Nacht“ reale Kräfte der Befreiung entfaltete.


Ihr eigener Eintritt ins Filmmetier kam einem Knalleffekt gleich: Duras verfasste die Drehbücher zu drei Hauptwerken der Zeit um 1960 – Alain Resnais’ Hiroshima mon amour, ein Schlüsselfilm der Moderne; Peter Brooks Moderato cantabile (basierend auf ihrem gleichnamigen Roman); sowie Henri Colpis wunderbares Erinnerungsdrama Une aussi longue absence. Letzterer gewann 1961 ex aequo mit Luis Buñuels Viridiana die Goldene Palme in Cannes – und ist heute fast vergessen: ein œuvre maudit. Ein gewisses Renommee hatte Duras bereits mit ihrem ersten Nachkriegsroman Un barrage contre le Pacifique (1950) erlangt, doch weltberühmt wurde sie durch das Buch zu Hiroshima mon amour: Das Raunen darüber, wo der jeweils andere nie gewesen war und was ihm/ihr auf immer verschlossen bleiben würde, dieses gedankliche Ausschreiten eines Niemandslands, auf dem Überlebende des Zweiten Weltkriegs einander begegneten, traf die Menschen jener Zeit mitten ins Mark.


Duras war nicht ihr wirklicher Familienname, sondern nur die erste ihrer zahlreichen Masken. Geboren wurde sie als Marguerite Donnadieu in Gia Định, Französisch-Indochina. Die alter ego-Figuren, die Duras in ihren Büchern und Filmen variantenreich einsetzt, heißen etwa Vera Baxter, Nathalie Granger, Lol V. Stein, Aurélia Steiner und Anne-Marie Stretter. Mit ihnen spielt Duras gewisse Momente ihrer an Amouren und Abhängigkeitsverhältnissen bzw. politischen Rissen und Hakenschlägen nicht gerade armen Biografie durch. Die Idee der Variation, das vorsichtige Herantasten, -schmecken und -horchen, das Umkreisen von etwas, das sich einer direkten Benennung entzieht, steht insgesamt im Zentrum ihres Schaffens: Von Aurélia Steiner (1979) zum Beispiel gibt es eine Melbourne- und eine Vancouver-Variante; und Son nom de Venise dans Calcutta désert (1976) verhält sich zu India Song (1975) wie eine „Umformulierung“ – identische Tonspur, völlig andere Bilder.


Duras’ Prosa kommt mit einem vergleichsweise reduzierten Vokabular aus, ihre Filme bedürfen oft nur weniger ästhetischer Setzungen. Ebenso konsequent führte sie die Text- und Filmarbeit ineinander: Die Romane wurden kinematografisch überprüft bzw. neuerlichen „Lesungen“ unterzogen, die Filme brachten neue Textveröffentlichungen hervor, woraus wiederum ein Theaterstück entstehen konnte. Eine gewisse Konstante ihres filmischen Œuvres ist die Trennung von Bild und Ton, was oft auch heißt: von Zeiten und Räumen. Geschichten werden gelesen, erforscht, diskutiert, auf Orte projiziert, die äußerlich nichts mit ihnen zu tun haben – wie etwa in ihren grandiosen Werken Le Camion (1977) oder Césarée (1978). Duras’ Kino ist oft ein armes, manchmal „sprödes“, das sich seiner Bescheidenheit, Nacktheit nicht schämt – im Gegenteil.

 
Sie konnte aber auch anders. Das klassische Schauspielerkino war ihr nicht fremd, was sich unter anderem daran zeigt, dass die Hauptrollen ihrer Filme meist mit Ikonen der französischen Schauspielkunst besetzt sind: Gérard Depardieu und Delphine Seyrig (beide mehrfach) sowie Jeanne Moreau, Daniel Gélin, Dominique Sanda, Bulle Ogier oder Michael Lonsdale. Auch Duras’ letzte, unendlich heitere Regiearbeit Les Enfants (1985) demonstriert auf Schönste, dass sie nie das Interesse am geradlinigeren Erzählkino verloren hatte, welches ihre Anfänge als Filmautorin bestimmte: Es war eine Möglichkeit für sie – eine Kinovariante unter vielen. Werk um Werk lebte und kostete Marguerite Duras all diese Variationen aus.


Die Retrospektive findet mit Unterstützung des Institut français statt und umfasst mehr als 20 von Marguerite Duras’ Regie- und Drehbucharbeiten. Ein Vortrag der Kunsthistorikerin Edith Futscher am 14. April über Marguerite Duras und das Kino ergänzt das Programm.