On Dangerous Ground:
Joseph Losey | Nicholas Ray | Orson Welles

Nicholas Ray (links), Orson Welles (Mitte), Joseph Losey

8. Mai bis 21. Juni 2015
 
Drei wahre Giganten des Kinos stehen im Mai-Juni-Programm des Filmmuseums im Mittelpunkt. Mit ihrem Kampf um künstlerische Autonomie haben sie die Möglichkeiten filmischen Erzählens neu ausgelotet: Joseph Losey, Nicholas Ray und Orson Welles, der vor hundert Jahren, am 6. Mai 1915 auf die Welt gekommen ist.


Der Umstand, dass diese Nonkonformisten alle drei „Sconies“ (sprich: in Wisconsin geboren) sind, ist nur die erste Gemeinsamkeit in ihrem Werdegang. Sie sind tief in der Roosevelt-Ära, deren fortschrittlich liberaler Politik verwurzelt, die in ihrer Arbeit zunächst auf der Bühne und im Rundfunk künstlerischen Ausdruck findet. In Hollywood landen alle drei mit ihrem Spielfilmdebüt bei RKO: Welles kurz vor, Ray und Losey kurz nach dem Krieg, als eine neue Generation von Regisseuren rekrutiert wird und Howard Hughes das Studio übernimmt. Die Cold-War-Paranoia mit ihren Hexenjagden und dem Komitee zur Untersuchung unamerikanischer Umtriebe (HUAC) des Senators Joseph McCarthy aus Wisconsin hat zum Teil dramatische Folgen für ihr Leben. So werden Losey, Welles und Ray jahrelang vom FBI observiert, und alle drei beenden ihre Karriere als Filmemacher in Europa.


Orson Welles (1915–1985) schafft gleich mit seinem Entree in Hollywood ein Werk für die Ewigkeit: Citizen Kane, die Geschichte eines legendären Lebens, das zur leblosen Legende wird. Für den Dreh nimmt Welles das halbe Ensemble des gemeinsam mit John Houseman geleiteten Mercury Theater aus New York zu RKO mit. Die komplexe Tiefenstruktur in Bild wie Ton setzt neue Maßstäbe, die radikale Modernität dieses Films bleibt über Jahrzehnte gültig – bis herauf zu Jean-Luc Godard, der über Welles sagt: „Alle werden ihm immer alles schulden.“


Seinerzeit allerdings überschattet das magere Einspielergebnis den künstlerischen Triumph, und mit The Magnificent Ambersons nimmt Welles’ erratische und holprige Beziehung zur Filmindustrie ihren Lauf. Der Film wird umgeschnitten, doch selbst als Torso bezeugt er das Genie seines Regisseurs. Gleiches gilt für The Lady from Shanghai, einen böse funkelnden Noir mit Welles und seiner damaligen Ehefrau Rita Hayworth; noch bevor dieser 1948 in die Kinos kommt, setzt der Filmemacher sich ins Exil nach Europa ab. Insgesamt hat Orson Welles lediglich dreizehn Kinofilme vollendet, darunter Othello, Touch of Evil, The Trial, Chimes at Midnight, F for Fake – jeder ein Meisterwerk auf seine Weise.


Nicholas Ray (1911–1979) zählt Welles zu „den größten Regisseuren in der Geschichte des Kinos“. Er selbst ist baumlang und gutaussehend wie ein Westernheld, besucht Frank Lloyd Wrights Künstlervereinigung Taliesin, schließt sich dem avantgardistischen Worker’s Lab an und studiert die amerikanische Folk Music. 1947 verhilft John Houseman, sein Mentor bei CBS, ihm zu seinem mitreißenden Regiedebüt: Mit They Live By Night, der halb Film noir, halb Juvenile-Delinquents-Romanze ist, empfiehlt Ray sich auf Anhieb als „Poet der Dämmerung“ (François Truffaut).


Ray ist der wichtigste Regisseur der RKO unter dem Regime von Howard Hughes; er dreht das Hollywooddrama In a Lonely Place und den modernen Western The Lusty Men und macht sich als Retter aussichtslos verfahrener Produktionen unentbehrlich, sodass er weder öffentlich vor dem Senatskomitee aussagen muss, noch auf die Schwarze Liste gesetzt wird. Rays überragende Werke indes entstehen auf der Wanderschaft: Johnny Guitar bei Republic, Rebel Without a Cause bei Warner, Bigger Than Life bei 20th Century Fox, Party Girl bei MGM usw. Die dynamische Mise en scène dieser expressiven Farbfilme lässt die meist von Hass (Mercedes McCambridge als Rancherin Emma in Johnny Guitar) und Verzweiflung (James Dean als Rebell Jim Stark) getriebenen Charaktere nur umso wütender gegen sich selbst oder andere erscheinen.


Niemand habe je bei Ray eine schlechte Vorstellung geliefert, so der Kritiker Robin Wood, „nicht einmal Anthony Quinn“. Dasselbe kann man Nicholas Ray selbst attestieren. Mit der von ihm verkörperten Figur des Nick in Lightning Over Water (1980, Co-Regie: Wim Wenders) setzt sich der unheilbar an Krebs erkrankte Held einer ganzen Generation junger Filmemacher rückhaltlos mit dem eigenen Sterben auseinander.


Joseph Losey (1909–1984), der nach Studienreisen durch Europa und die Sowjetunion als Regisseur beim Theaterprojekt The Living Newspaper in New York aktuelle Ereignisse auf die Bühne bringt, besetzt Nicholas Ray 1936 in der Rolle eines Arbeiterführers. „Später bei RKO“, erinnert sich Losey, „streiften Nick und ich zu Fuß durch leerstehende Ateliers, um nicht im Büro zusammen gesehen zu werden und uns in der damaligen politischen Situation keinen Schaden zuzufügen.“ Kunst ist für den Brechtianer Losey vor allem Mittel zur Sozialkritik. Hollywood, wo er in vier Jahren fünf außergewöhnliche Filme über Außenseiter der Gesellschaft dreht (u.a. The Lawless, eine Polemik gegen Lynchjustiz, mit Laiendarstellern aus Mexiko besetzt), erweist sich bloß als Zwischenstation. 1951 weigert sich Losey, einer Vorladung des HUAC zu folgen und wird mit Arbeitsverbot belegt. Er weicht nach London aus, schart andere Opfer der Blacklist um sich und kann seine Karriere – anfangs freilich nur unter Pseudonym – fortsetzen.


Etliche von Loseys englischen Arbeiten dieser Zeit bleiben immer noch und immer wieder neu zu entdecken, so etwa Time Without Pity, Blind Date oder The Criminal. Von Film zu Film wird die Vision des Regisseurs düsterer, die Kamera unruhiger, die Szenengestaltung, von Jazz-Scores vorangetrieben, durch Spiegel und Spiegelbilder zunehmend komplexer. Den internationalen Durchbruch bringt The Servant (1963). Losey und Drehbuchautor Harold Pinter obduzieren darin – wie auch in ihren späteren Kollaborationen Accident und The Go-Between – die britische Klassengesellschaft: Die Tragödie dreier Personen, die realistisch, mit Anklängen an die Profumo-Affäre beginnt, wächst sich zum delirierenden Nachtmahr aus und trägt dem Regisseur endgültig den Ruf eines Modernisten und Stilisten allerersten Ranges ein.


Der monumentale Verlierer, der romantische Outsider mit selbstzerstörerischer Neigung, der ewige Exilant: Bei aller Bewunderung für Orson Welles, Nicholas Ray und Joseph Losey ist es inzwischen üblich, von ihrem Scheitern in Hollywood zu sprechen. In Wahrheit verhält es sich umgekehrt: Hollywood, das Studiosystem, hat an Welles, Ray und Losey versagt – drei Filmemacher aus dem Mittelwesten, die mit ihrem Œuvre das industriell hergestellte Kino transzendiert und schließlich ganz hinter sich gelassen haben.


Die Retrospektive umfasst 44 Werke – eine Auswahl mit dem Ziel, das Schaffen und die biografischen Wege der drei Regisseure repräsentativ abzubilden. Michael Omasta, Co-Kurator der Schau, wird drei längere Einführungen über Losey, Ray und Welles halten. Mit einem speziellen Dank an die Cinémathèque suisse.