Bigelow & Co.
Filme von Kathryn Bigelow, Lizzie Borden, Amy Heckerling und Susan Seidelman

Detroit, 2017, Kathryn Bigelow (Foto: François Duhamel)
1. Dezember 2017 bis 4. Jänner 2018
 
Parallel zum Kinostart ihres neuen Films Detroit (2017) würdigt das Filmmuseum eine maßgebliche Künstlerin des amerikanischen Gegenwartskinos. Kathryn Bigelow, für ihren Irak-Thriller The Hurt Locker (2008) als bislang einzige Frau mit dem Regie-Oscar ausgezeichnet, macht seit mehr als 30 Jahren Genrefilme, die sich jedoch nicht bloß in einer fulminanten Inszenierung von action erschöpfen, sondern komplexe psychologische und gesellschaftliche Widersprüche freilegen.

Etablieren konnte sich Bigelow mit kraftvollen Genre-Revisionen wie Near Dark (1987), einem Hybrid aus Vampir-Horror und Neo-Western, dem Polizeifilm Blue Steel (1990), dessen weibliche Hauptfigur das Studio zunächst bezeichnenderweise in einen Mann umgewandelt haben wollte, oder dem Surfer-Krimi Point Break (1991): eine mit Adrenalin und Männerritualen aufgeladene Serie entfesselter Bewegungsbilder zu Lande, zu Wasser und in der Luft. Ihre Filme machen es Publikum und Kritik nicht leicht. Bewunderern gilt sie als maßgebliche Action-Regisseurin, deren Figurenrepertoire und Inszenierungstechniken Konventionen der Repräsentation von Gewalt, Gender, Ethnizität und Macht bloßlegen; Gegnern als "Gewaltpornografin", deren unkommentiertes Zeigen von zum Teil exzessiver Gewalt bestehende gesellschaftliche Regeln und Genrekonventionen bloß affirmiert. Fest steht jedoch, dass sich in Bigelows Werk das ausgeprägte visuelle Gespür einer Filmemacherin, die ursprünglich als abstrakte Malerin begonnen hatte, mit einem der konzeptuellen Kunst der 1970er geschuldeten Bewusstsein für Darstellungs- und Rezeptionsgewohnheiten paart – und bisweilen auch reibt.

Die 1951 in San Francisco geborene Tochter eines Farbenfabrik-Managers war durch ein Stipendium nach New York gekommen und in die Avantgarde-Szene eingetaucht, wo sie sich zeitweise der Konzeptkunst-Gruppe "Art & Language" anschloss und mit Strukturalismus und Philosophie beschäftigte. Daneben entdeckte sie die Filmgeschichte – von Robert Bresson zu Bruce Lee über Orson Welles bis Rainer Werner Fassbinder – und wurde zum Kino gezogen. Ihr Abschlussfilm Set-Up (1978) an der Columbia University war die intellektuelle Vorstudie ihres Œuvres: Zwei Männer prügeln sich auf der Straße, auf der Tonspur diskutieren zwei Semiotiker über die Verführungskraft von Gewalt im Kino. Mit Monty Montgomery konzipierte Bigelow dann The Loveless (1981) als optisch überwältigende Fusion aus Biker-Filmen (insbesondere Kenneth Angers Scorpio Rising), den Fotografien von Walker Evans und den Gemälden von Edward Hopper – zugleich Auftakt ihrer ambivalenten Studien von Männerwelten und Abschied von der prägenden New Yorker Szene in Richtung Mainstream-Kino.

Ihr Durchbruch markierte einen Moment, als die gerade im Regiefach notorisch maskuline Studioproduktion offener war für weibliche Zugänge. Statt Bigelow als (bessere) "Männerregisseurin" auszustellen, verfolgt unsere Retrospektive einen anderen Ansatz: Wir präsentieren Kathryn Bigelows Werk im Kontext dreier Regisseurinnen ihrer Generation, die zeitgleich aus anderen künstlerischen Disziplinen zum Film kamen und ihre ganz individuelle Handschrift ebenfalls im Umfeld von New Yorks umtriebiger (Proto-)No-Wave-Szene entwickelten.

Die Detroiter Malerin (und Bigelow-Freundin) Lizzie Borden entdeckte dort in den frühen 1970ern alternative Kino-Zugänge, debütierte als Autodidaktin mit dem (lange verschollen geglaubten) Frauengruppen-Essay Regrouping (1976) und wurde mit der anarchischen Zukunftsvision Born in Flames (1983, mit Kathryn Bigelow in einem Gastauftritt) zur Ikone eines unabhängigen feministischen Kinos. Ihrer subversiven Prostitutionsstudie Working Girls (1986) folgte mit dem Erotik-Thriller Love Crimes (1992) ein Studio-Einstand, doch ihr Zugang war zu radikal, und nach der Verstümmelung des Films (und TV-Kompromissen) zog sie sich zurück.

Die aus Philadelphia stammende Modedesign-Studentin Susan Seidelman entdeckte in John Cassavetes und Nouvelle-Vague-Filmen Vorbilder für ein persönliches Kino: Ihr preisgekrönter Studentenfilm And You Act Like One Too (1976) führte direkt zu frischen, vom weiblichen Blick geprägten New-York-Porträts der 1980er wie Smithereens (1982, einer der ersten US-Independent-Filme im Wettbewerb von Cannes) und ihrem Mainstream-Debüt Desperately Seeking Susan (1985), das mit Pop-Ikone Madonna zum Zeitgeist-Hit wurde. Doch in der nächsten Dekade wurde Seidelman zunehmend ins Fernsehen abgedrängt (wo sie etwa Sex and the City mitprägte).

Ähnlich erging es der New Yorkerin Amy Heckerling, die Anfang der 1970er unter dem Einfluss surrealistischer und internationaler Filme vom Design zum Film wechselte und bald nach Los Angeles übersiedelte, wo sie den Verlust der New Yorker Punk-Wurzeln als "Kulturschock" empfand. Im Debüt Fast Times at Ridgemont High (1982) konnte sie sich den Glättungsversuchen des Studios widersetzen und etablierte sich als Spezialistin für Komödien und eigensinnige Jugendstudien, die mit der hinreißenden Jane-Austen-Modernisierung Clueless (1995) im Schlüsselfilm einer Generation kulminierten. Aber auch Heckerling musste sich Richtung TV-Arbeit umorientieren, als Hollywood die Produktion von kleiner budgetierten Filmen reduzierte – während Großproduktionen selten von Frauen inszeniert werden konnten.

Hier blieb Bigelow eine Ausnahme, aber auch ihre sprunghafte Karriere erzählt von einem Mainstream-Fenster für Regisseurinnen, das nur eine gewisse Zeit offenblieb. Trotz der öffentlichen Aufmerksamkeit sowie der Feindseligkeit, die sich wiederholt an ihrem Frausein in "Männergenres" entzündete, waren ihre Filme an den Kinokassen oft nur mäßig erfolgreich. Die (vorläufigen) Flops von Strange Days (1995) und der im Rückblick geradezu unglaublich anmutenden Hymne an sowjetischen Heldenmut, K-19: The Widowmaker (2002), führten zu einer mehrjährigen Schaffenspause (mit kurzen TV-Zwischenspielen), bevor Bigelow mit The Hurt Locker ein unabhängig produziertes Comeback gelang. Diesem folgten zwei weitere gleichermaßen hochverdichtete wie distanzierte "Rekonstruktionen" zur USA im Ausnahmezustand: vom Kriegseinsatz im Irak zur düsteren Studie des war on terror in Zero Dark Thirty (2012) zum Krieg daheim in Detroit, wo die riots von 1967 den Hintergrund eines rassistischen Polizeiübergriffs bilden, dessen Verlauf und Ausgang bestürzend gegenwärtig anmuten.

Lizzie Borden wird von 14. bis 17.12. zu Gast sein und für Publikumsgespräche zur Verfügung stehen.