Out of the Past
Maurice & Jacques Tourneur

Out of the Past, 1947, Jacques Tourneur
4. Mai bis 2. Juni 2018

Die Filmgeschichte ist zu einem schönen Teil auch eine Familiengeschichte: Eltern und Kinder, Enkel und Urenkel, Schwager und Schwippschwägerinnen haben immer wieder, mal gemeinsam und mal getrennt, im Kino gearbeitet. Neben vielen dieser Dynastien nehmen sich Tourneur père et fils regelrecht bescheiden aus – betrachtet man jedoch die Bedeutung der beiden, so sind sie eine der herrlichsten Konstellationen am Filmfirmament.

Vater Maurice, geboren 1876 in Paris, heißt bürgerlich Thomas mit Nachnamen und entstammt einer Juwelier-Familie. Der Weg zum Kino führt über die Gebrauchsgrafik und das Theaterschauspiel: 1911 findet er eine Anstellung bei Éclair als Regieassistent; schon im folgenden Jahr realisiert er erste selbstständige Arbeiten; weitere zwei Jahre darauf ist er der Firma schon wichtig genug, um ihn nach Fort Lee im US-Bundesstaat New Jersey zu schicken, wo man eine Dependance für den transatlantischen Markt eröffnet. Die Fremde kommt Tourneur (wie sich Maurice seit seinen Bühnentagen nennt) durchaus recht, hatte er doch als Mitglied von Gabrielle Réjanes weltberühmter Theatertruppe auch Südamerika bereist. Von der Éclair zieht es ihn bald zur World Film Cooperation, wo mit Alias Jimmy Valentine (1915) und The Closed Road (1916) einige seine ersten wesentlichen Filme entstehen. 1921 nimmt Tourneur gar die US-amerikanische Staatsbürgerschaft an, in der Annahme, den Rest seines Lebens dort zu verbringen. Weit gefehlt: Gehört er in den frühen 1920ern mit The Blue Bird (1918) oder The Last of the Mohicans (1920) noch zu den bedeutendsten Regisseuren der Welt, findet er sich zum Ende der Dekade auf dem Abstellgleis der Industrie wieder – sein vorklassisch-europäisch verwurzelter, mehr vom einzelnen Bild als der Montage geprägter, kraftvoll-lyrischer Stil wirkt mit einem Mal wenig zeitgemäß.

So kehrt er nach Frankreich zurück, wo er mittlerweile ein Fremder ist. Dennoch findet Tourneur rasch seinen neuen Platz: als Regisseur mit Hollywood-Erfahrung, der dem einheimischen Filmschaffen einiges beizubringen weiß an Verve und Schneid. Eine zweite, historisch bislang sträflich vernachlässigte Periode puren Genies beginnt, für deren Reichtum symbolisch so unterschiedliche Werke wie Accusée, levez-vous! (1930) und Koenigsmark (1935) stehen. Zu zelebrieren gibt es hier eine Kunst der Gelassenheit und Großzügigkeit, die präzise am Rande zum Gnadenlosen ist in ihrem Blick, dabei locker-leger in ihren Bewegungen. Ob Krimi, Melodram oder Farce: Tourneur Sr. feiert stets die Schönheit des Augenblicks.

Hier betritt nun Tourneur Jr., Jacques, die Kinoszene. Aufgewachsen zwischen Frankreich (*1904, Paris) und den USA, früh beschäftigt schon als Komparse und Script-Verantwortlicher, ist der Berufsweg des Filius vorgezeichnet. Zwischen 1930 und 1933 lehrt ihn der Vater an seiner Seite als Schnittmeister und Regieassistent das Handwerk. Bald wiederholt sich die Geschichte: Auch Jacques wird in die USA eingeladen, von MGM, wo er ab 1936 en masse Kurzfilme wie Romance of Radium (1937) und The Ship That Died (1938) realisiert, dann auch B-Produktionen wie They All Come Out (1939). Als man ihn 1941 – wie 13 Jahre zuvor seinen Vater – fallen lässt, holt ihn Val Lewton zu RKO, wo Jacques jene grau-in-grauen Schauerstücke realisiert, für die man ihn bis heute erinnert: Cat People (1942) und I Walked With a Zombie (1943).
Während Jacques mit Horrorfilmen und Noir-Krimis – allen voran: Out of the Past (1947) – seine ersten Großtaten realisiert, gestaltet Maurice in denselben Genres mit La Main du diable (1943) und Impasse des deux anges (1948) seine letzten. Ein Autounfall im Jahr 1949, bei dem er ein Bein verliert, beendet vorzeitig Maurice Tourneurs Karriere.
 
Anders als Maurice schafft Jacques nie den Sprung in die A-Liga: Sein Schaffen bis in die 1960er Jahre findet im Halbschatten des Konfektionsmittelbaus, der Welt kleiner Western (Canyon Passage, 1946), Abenteuerfilme, Thriller (Nightfall, 1956), schließlich des Peplum und des AIP-Teen-Entertainments statt, um im US-Fernsehen mit Perlen wie The Twilight Zone: Night Call (1964) auszuklingen. Was aber perfekt passt zu einem melancholischen Kino der Halbtöne und verlorenen Illusionen, dessen Protagonisten oft wie hypnotisiert wirken oder glücklich gefangen in einem dunklen Traum, verflucht und doch heiter im Wissen darum, dass sie eines Tages erwachen werden, erlöst. Oft starrt der Jacques-Tourneur-Antiheld in eine Ferne, deren Küstenlinie allein er zu erkennen vermag.

Mit unserem duografischen Projekt möchten wir den Gleichklängen zwischen den beiden Tourneur-Œuvres nachhorchen: schauen, was historisch z.T. weit auseinanderliegende Werke wie Trilby (1915) und Experiment Perilous (1944), Avec le sourire (1936) und Stars in My Crown (1950), Le Val d'enfer (1943) und Berlin Express (1948), Lorna Doone (1922) und Great Day in the Morning (1955) an Gemeinsamkeiten, Parallelen, aber auch Fortentwicklungen aufzuweisen haben. In all dem ist diese Schau auch eine hoch verdichtete Geschichte des klassischen Kinos, von jenem Augenblick an, da es sich als Industrie weltweit etablieren kann, bis zu jenem Punkt, da sich alles in einem Medien-Nebeneinander aufzulösen beginnt.
 
Mit Dank an das Institut français d'Autriche und das Festival del film Locarno