The B-Film
Hollywoods Low-Budget-Kino 1935–1959

Gun Crazy, 1950, Joseph H. Lewis
26. Oktober bis 5. Dezember 2018

The B-Film, die gemeinsame Retrospektive von Viennale und Filmmuseum, unternimmt eine Neueinschätzung der Geschichte und des Erbes jenes einzigartigen Low-Budget-Produktionsmodus, der in den 1930er Jahren im Studiosystem Hollywoods erfunden wurde und dessen Ergebnis als Inspirationsquelle für die unterschiedlichsten Regisseur/innen weiterwirkt – von Jean-Luc Godard und Seijun Suzuki zu Hartmut Bitomsky und Kathryn Bigelow. Wie die Schau verdeutlicht, war der B-Film eine historisch spezifische Form des Kinos, dessen eigentliche Blütezeit von der Mitte der 1930er bis zum Urteil im sogenannten Paramount-Prozess 1948 (und der Zerschlagung des Oligopols der großen Studios) reicht. Ermöglicht wurde sie durch die Etablierung der Vorführpraxis des double features (aus A- und B-Film) sowie der Arbeit talentierter Künstlerinnen und Künstler in den B-Abteilungen der Majors.
 
Unsere Retrospektive möchte archäologische Arbeit leisten: die sorgfältige Rekonstruktion der tatsächlichen und historischen Bedeutung der B-Film-Produktion über die möglichst originalgetreue Präsentation ihrer herausragendsten Beispiele, von denen viele in Europa nie oder nur sehr selten gezeigt wurden. Dies möge als erster Schritt zur Etablierung eines Kanons von Hauptwerken dienen und den Begriff "B-Film" (oder "B-Movie") vom Geruch der Nostalgie oder des "Trash" befreien. Unsere Auswahl will belegen, dass es sich um eine eigenständige Kunstform handelt, die quintessentiell amerikanisch ist, und größtenteils von Emigrant/innen und Künstler/innen geschaffen wurde, die konsequent in den Randzonen des Hollywoodsystems arbeiteten.
 
In seiner Hochblüte war der B-Film vollendeter Ausdruck des paradoxen Hollywood-Ideals, das Studiosystem zur "Kunstfabrik" zu machen, indem man eine erstaunlich effektive Art des reinen Kinos produzierte. Die Rückkehr zum "Kino der Attraktionen" und den Vaudeville-Wurzeln der frühen Filmproduktion verband sich mit den Einflüssen verschiedenster Avantgarde-Strömungen, vom Surrealismus über die Photogénie-Idee des französischen Impressismus bis zur revolutionären Sowjet-Montage. Die stilvollen und außergewöhnlich einfallsreichen Filme von Produzent Val Lewton oder Regie-Immigrant Edgar G. Ulmer sind bekannte Beispiele dafür, aber es gibt eine Fülle ebenso innovativer, doch weniger bekannter Werke, die in der Schau vorgestellt werden, etwa William Castles When Strangers Marry (1944) oder My Name Is Julia Ross (1945) von Joseph H. Lewis.
 
Zu entdecken ist auch, wie der B-Film als Brutstätte für kühne Neuerungen und experimentierfreudigen Umgang mit Genre und Handlung diente: eine Seltenheit in der Studio-Ära. Zum Beispiel lässt sich das, was man später Film noir nennen sollte, auf so wegweisende und unterschätzte Proto-Noir-B-Pictures wie Blind Alley (1939) und Stranger On the Third Floor (1940) zurückführen. Beide Filme etablierten Noir-Archetypen, indem sie kriminelle Pathologien mittels Psychoanalyse und Traumwelten deuten: als schreckliche Wachträume, die aus einem Trauma hervorgehen und durch visuell intensive, kunstfertig gesetzte Rückblenden "geheilt" werden.
 
Im B-Film sind darüber hinaus noch namenlose Genres und Zyklen zu erforschen, die wie der Film noir neue Perspektiven auf das erfinderische Nahverhältnis Hollywoods zum Zeitgeist eröffnen. Die langlebige Serie von Filmen um verrückte Wissenschaftler wie The Man They Could Not Hang (1939) oder Donovan's Brain (1953) und die zahlreichen Filme über asiatische Detektive – repräsentiert durch Daughter of Shanghai (1937), Mr. Moto’s Last Warning (1939) und Phantom of Chinatown (1941) – erzählen aufschlussreich und oft bemerkenswert direkt von zeitgenössischen Ängsten und Hoffnungen in Bezug auf Wissenschaft, Rassenverhältnisse und Macht.
 
Jenseits solcher Interpretationen gilt es die vom und für den B-Film erfundenen Genres als strategische Neudeutungen von erfolgreichen Formeln und Filmen zu würdigen: Der mad scientist bezieht sich deutlich auf Frankenstein und seine vielen Kino-Inkarnationen, der asiatische Detektiv auf Sherlock Holmes via Charlie Chan. Will man einen Schritt weitergehen, könnte man die Außenseiterfiguren im Zentrum dieser und zahlloser anderer B-Filme als Spiegelbilder der vielen talentierten Künstler/innen – insbesondere der europäischen Emigrant/innen – sehen, die in der randständigen B-Produktion Arbeit und Zuflucht fanden.
 
Ein anderer Schwerpunkt liegt auf der freischwebenden Imaginationskraft und Andersartigkeit, die der B-Film im Kino der Studio-Ära kultivierte: eine Faszination für das Übernatürliche und Okkulte, wie sie etwa The Leopard Man (1943), The Falcon and the Co-eds (1943) und Weird Woman (1944) verbindet. Nicht weniger verblüffend sind die radikalen Genre-Hybride wie William McGanns haarsträubende Horror-Mystery-Komödie Sh! The Octopus (1937). Sie machen deutlich, wie etablierte Genre-Formeln im Produktionskontext des B-Films abgewandelt und mit völlig neuer Bedeutung aufgeladen werden konnten.
 
Auch wenn der Schwerpunkt der Retrospektive auf den Jahren 1935–1948 liegt, wird das Nachleben des B-Films in den 1950ern mit Filmen von "Veteranen" des Systems wie Joseph H. Lewis und Norman Foster thematisiert. In dieser postklassischen Periode existierte der B-Film in Arbeiten von Ausnahmeregisseurinnen und -regisseuren wie Ida Lupino, Phil Karlson oder Budd Boetticher weiter, die bewusst die künstlerischen Freiheiten und subversiven Möglichkeiten nutzen, die der Low-Budget-Produktionsbereich bietet.
 
Die spätere Mutation des B-Films in andere Low-Budget-Produktionsformen – Exploitation, Trash, aber auch Hybridfilme an der Grenze zwischen Genre und Kunst – demonstrieren Werke von Meister Roger Corman, dem legendären Billigstfilmer Ed Wood, sowie unabhängigen Regisseuren wie Hubert Cornfield und Irving Lerner. Doch selbst wenn diese Ausläufer eine vergleichbare subversive Kraft und – um den Begriff von Manny Farber zu verwenden – Termitenenergie besitzen, gilt es doch, sie vom B-Film der Studio-Ära zu unterscheiden. Dieser ist nur im Dialog und in der engen Symbiose mit dem A-Film und den Stilen des "klassischen" Hollywoodkinos denkbar; und so schablonenhaft die Filme konzipiert sind, so einzigartig und unnachahmlich sind sie in ihrer Qualität und Wirkung. (Haden Guest)
 
Ein Programm von Viennale und Österreichischem Filmmuseum. Kurator Haden Guest und andere internationale Gäste werden im Lauf der Viennale Einführungen zu ausgewählten Filmen der Retrospektive halten.


Während der Viennale von 26.10. bis 8.11. sind keine Reservierungen möglich, es gelten gesonderte Ticketregelungen.
Zusätzliche Materialien