Boris Barnet
Die Abenteuer des Kinopoeten B.B. im Land der Bolschewiken

Dom na Trubnoj (Das Haus in der Trubnaja-Straße), 1928, Boris Barnet

28. Jänner bis 9. Februar 2005

 

Der Boxer, Schauspieler und Filmregisseur Boris Barnet (1902-1965) zählt zu den großen Meistern des russischen Kinos, doch sein Name und sein Werk gelten im Westen immer noch als "Geheimtip". Das Filmmuseum zeigt nun – erstmals in Österreich – eine repräsentative Auswahl aus Barnets unvergleichlichem, zutiefst lyrischen und komödiantischen Schaffen.
 
Barnet wird Anfang der 20er Jahre im Boxring "entdeckt": Der Regisseur Lew Kuleschow nimmt ihn in seine Schule auf und bildet ihn zum Schauspieler aus. Wenig später debütiert Barnet bereits selbst als (Co-)Regisseur, mit einer wunderbaren Abenteuerserie in drei Teilen: Miss Mend (1926). In rascher Folge legt er zwei weitere grandiose, unglaublich erfindungsreiche Stummfilme vor, die an der Rasanz der US-Komödien geschult sind und zugleich ein wildes Spiel mit dem "Apparat" Kino treiben: Das Mädchen mit der Hutschachtel (1927) und Das Haus in der Trubnaja-Straße (1928). Dem frühen Tonfilm schenkt Barnet die Meisterwerke Okraina (1933) und Am Rande des blauen Meeres (1936) – Filme, die bis heute eine Sonderstellung im Weltkino einnehmen.
 
Barnets bevorzugtes, zwischen Satire und Lyrik schwebendes Idiom hat Vergleiche mit Lubitsch, Hawks und Tschechow heraufbeschworen. Dies trifft die ganz eigene, manchmal exzentrische Magie des Barnet-Werks aber nur zum Teil: Wie kein anderer umgab er sogenannte "Alltagsstoffe" mit emphatischem Witz, Schönheit und Charme; dazu erfand er Protagonisten, die diese Welt mit einer unerklärlichen Eleganz durchqueren – "so als hätte er sie von einer verzauberten Insel geholt", wie ein russischer Kritiker schrieb.
 
Boris Barnets Kinematografie ist selbst eine verzauberte Insel, zu der sich der Seeweg nur von Zeit zu Zeit öffnen will. Sein traumwandlerisches und populäres Kino passte nicht zur sowjetischen Doktrin der 1930er Jahre. Er wurde politisch diskreditiert und konnte seine folgenden Projekte zumeist nur unter größten Mühen und "Verbiegungen" realisieren. Obwohl sich darunter herausragende Filme wie Goldener Sommer (1951) oder Alenka (1961) und der Kassenerfolg Heldentat eines Kundschafters (der übrigens als Wladimir Putins Lieblingsfilm gilt) befanden, war Barnet selbst von seinem Scheitern überzeugt. 1965 beging er Selbstmord.
 
Im Westen entdeckte man ihn spät – und bestenfalls sporadisch. Zu sehr entfernt sich Barnets Werk vom filmhistorischen Klischee des sowjetischen (Montage-)Formalismus: "Ich bin kein theoretischer Mensch, ich nehme das Material für meine Filme aus dem Leben." So ist er bis heute eher eine "Kultfigur" – vor allem für andere Filmregisseure wie Iosseliani, Scorsese, Godard oder Rivette, der ihn zum "besten russischen Regisseur neben Eisenstein" erklärte. 1980 wird er anlässlich einer ersten Retrospektive in London als "einer der größten unentdeckten Regisseure aller Zeiten" gewürdigt. 25 Jahre später hat sich daran wenig geändert: eine breitere Wahrnehmung der Kunst von Boris Barnet steht immer noch aus.