Gentlemen Prefer Blondes

Howard Hawks
Das Gesamtwerk

1. Dezember 2010 bis 6. Jänner 2011
 
Wer sich auf die Suche nach der Quintessenz des klassischen Kinos amerikanischer Prägung begibt, landet irgendwann bei ihm: Howard Hawks, geboren 1896 in Goshen, Indiana, gestorben 1977 in Palm Springs. Sein Selbstbild: nur ein Geschichtenerzähler; ein Entertainer, der seinen Job mit fachmännischem Elan erledigt; ein professional wie die Männer und Frauen, von denen er so gern erzählte. Das Bild, das andere von ihm haben: ein Genie, dessen Filme „tief und elastisch atmen“ wie ein „schöner Körper“ (so Jacques Rivette); den man „lieben muss, wenn man das Kino lieben will“ (Eric Rohmer); ein Shakespeare oder Mozart des Kinos, wenn man (wie Robin Wood) Hawks‘ unheimliche Fähigkeit bedenkt, ­authentische Populärkunst zu betreiben und damit auch die Feingeister und Intellektuellen über Generationen hinweg zu bezaubern.

 
Beides also: das Lässige, Unprätentiöse, das Funktionieren in ­einem funktionalen Betrieb („Ein guter Regisseur ist einer, der dem Zuschauer nicht auf die Nerven geht“) – und das Besondere, der persönliche Stil, den auch er, fast widerwillig, zu würdigen wusste: „Ein Filmemacher taugt nur dann etwas, wenn er seine eigene Art hat, Geschichten zu erzählen.“ Eben diese eigene Art hat Howard Hawks auf nahezu alle Hollywood-Genres angewendet und darin jeweils Höhepunkte geliefert: Gangsterfilme (Scarface) und schwarze Krimis (The Big Sleep), Abenteuer- (Hatari!) und Fliegerfilme (Only Angels Have Wings), Kriegsfilme (Sergeant York) und Musicals (Gentlemen Prefer Blondes), Western wie Red River und Rio Bravo und natürlich Komödien wie Bringing Up Baby und His Girl Friday. Zehn Titel: die Spitze eines Eisbergs.
 
„Von einem Genre zum anderen, von einer Epoche zur nächsten bleibt der Eindruck doch immer derselbe: Er war selbstsicher genug, um jedes Zugeständnis abzulehnen“, schreiben Bertrand Tavernier und Jean-Pierre Coursodon, verblüfft über die unglaubliche Nähe zwischen Hawks’ ersten und letzten Filmen, die 45 Jahre aus­einander liegen. Für diese rare Form von Autorenschaft in einer Konsum­güter-Industrie gibt es ganz praktische Gründe: Hawks sicherte sich als Produzent und Co-Drehbuchautor (oft ungenannt) den größtmöglichen Einfluss auf seine Filme und agierte fast wie ein Independent. Dieselbe Haltung prägt auch das „Innere“ der Filme, ihre Stoffe und ihre Ästhetik: Sie resultieren aus einer „Ethik der Effizienz und Produktion“ (Tavernier/Coursodon) und propagieren diese im Rahmen der Fiktion.
 
Hawks‘ lakonische Erzählweise, seine sparsame optische Umsetzung rasender Handlungsabläufe, sein Sinn für Humor und pointenreiche Dialoge und seine ausgeprägte Vorliebe für bestimmte Charaktere und Grundsituationen vermitteln durchwegs eine klare Weltsicht. Er beherrschte virtuos alle Tempowechsel und Erzähltechniken des populären Kinos, um („wie von selbst“) maximale dramatische oder komische Wirkung zu erzeugen. Betont kunstvolle Effekte oder Schauspielstile lehnte er ab: Überhöhung ist bei ihm stets nur als Verdichtung, Verknappung, Beschleunigung denkbar – zum Beispiel wenn er den Dialogen jeden Anflug von Sentimentalität austreibt: „Ich versuche immer, sie 20 Prozent schneller zu machen.“ In His Girl Friday ist das Pointen-Schnellfeuer so gesteigert, dass die Ästhetik der überlappenden Dialoge, für die Robert Altman drei Dekaden später gefeiert wurde, schon vollständig vorliegt.
 
Gemäß seiner Ansicht, dass es nur „etwa 30 Plots in der ganzen Geschichte des Dramas gibt“, ist Hawks auch ein Wiederholungstäter par excellence: Dieselben Ideen und Dialogzeilen tauchen in seinem Schaffen immer wieder auf, teilweise verfilmt er Stoffe mehrfach, am augenfälligsten in seinen späten Western – Rio Bravo (1959) wird zu El Dorado (1966) wird zu Rio Lobo (1970). Vor allem erzählt Hawks fast ausschließlich von men in action und von Frauen, die ihnen entsprechend Paroli bieten können. So wie John Ford ­unter den überragenden Action-Regisseuren der „Goldenen Ära“ der Poet der Gemeinschaft und Gesellschaft ist und Raoul Walsh derjenige des Individualismus, so ist Hawks der Chronist der kleinen, arbeitenden Gruppe. Die steht – und darin ist Hawks nahezu einzigartig – nicht repräsentativ für die Gesellschaft, sondern zuerst einmal nur für sich.
 
Was nicht heißt, dass die ideologische Dimension fehlt: Gerade in seinen Komödien entwickelt Hawks eine sehr skeptische Sicht auf die Geschlechterverhältnisse, die seine pessimistische Haltung am stärksten zum Ausdruck bringt. (Wie sehr ihn solch scheinbare Gegensätze anziehen, belegt auch die Mischung von Glamour und Galle im luxuriösen Technicolor-Ambiente seines Monroe-Musicals Gentlemen Prefer Blondes.) Am ehesten repräsentieren Hawks’ ­Figurengruppen allerdings das eingeschworene Team, mit dem er selbst arbeitet: In seinen persönlichsten Produktionen erzählt er von dem, was er kennt – Rennfahrerfilme eines Rennfahrers, Flieger­filme eines Fliegers, Jagdfilme eines Jägers. Das heimliche Hawks-Hauptwerk ist der Abenteuerfilm Hatari! über einen Großwildjägertrupp: gut zweieinhalb Stunden cinéma pur aus schlackenlosen Szenen über Arbeit, Liebe und Spaß einer Gruppe Profis, ein Film über das Abenteuer Filmemachen.
 
Die Retrospektive findet mit Unterstützung des U.S. Embassy und in Kooperation mit dem British Film Institute und BFI Southbank statt.