Kino-Atlas 5:

Shōchiku New Wave
Japanisches Kino 1960

Seishun zankoku monogatari (Nackte Jugend), 1960, Ōshima Nagisa
8. bis 19. Juni 2017

Nachdem konkurrierende Filmstudios wie Daiei und Nikkatsu in den späten 1950er Jahren mit Filmen über jugendliche Protagonist/inn/en große Erfolge an den Kinokassen erzielen konnten, beschließt Shōchiku, das erfolgreichste, aber auch konservativste Studio der damaligen Zeit, nachzuziehen. Nach dem zeitgenössischen französischen Vorbild wird eine "neue Welle" ausgerufen: Junge Regisseure wie Ōshima Nagisa, Shinoda Masahiro und Yoshida Yoshishige, die zuvor als Assistenten arrivierter Meister wie Ozu Yasujirō oder Kinoshita Keinosuke gearbeitet hatten, dürfen ihre Debüts vorlegen. Ein dauerhaftes Erfolgsmodell wird daraus freilich nicht: Der von Anfang an politisch engagierte Ōshima verlässt das Studio bereits zwei Jahre später, die anderen beiden folgen ihm kurz darauf in die Unabhängigkeit. Das gesamte System des klassischen Kinos gerät in eine Krise, von der es sich nicht wieder erholen wird.

In der kurzen Phase der – aus kommerziellen Gründen – verordneten Revolution erklärt Shōchiku das Kino zum Experimentierfeld, die Filme beginnen, über die Möglichkeiten und Grenzen des Studiokinos nachzudenken. Japan erlebt um 1960 aber nicht nur filmische Umbrüche; parallel zur "New Wave" spitzen sich die Proteste gegen die Verlängerung des Sicherheitsvertrags mit den USA zur ersten schweren Krise der Nachkriegsgesellschaft zu. Die teilweise mit erstaunlicher Brutalität ausgefochtenen sozialen Kämpfe der Zeit, die vielleicht in erster Linie einen Generationenkonflikt widerspiegeln, dringen auf unterschiedliche Art und Weise in die Filme ein. Gelegentlich explizit über Aufnahmen von Demonstrationen, häufiger indirekt, über den Nihilismus jugendlicher Herumtreiber, die hitzige Atmosphäre halbseidener Nachtclubs oder auch über die Formensprache, die sich – manchmal in wuchtig-rohen Gesten, manchmal mit geschmeidiger Eleganz – jener Fesseln entledigt, die das japanische Kino seinen Bildern angelegt hatte.

Die Filmreihe konzentriert sich auf einen einzelnen Jahrgang und präsentiert zehn Produktionen des Studios aus dem Jahr 1960. Im Mittelpunkt des Programms stehen frühe Filme von allen fünf "New Wave"-Regisseuren bei Shōchiku, zu denen neben Ōshima, Shinoda und Yoshida auch die heute weitgehend vergessenen Takahashi Osamu und Tamura Tsutomu zählen. Ergänzend werden zwei Filme der etablierten Shōchiku-Größen Ozu und Kinoshita präsentiert. Diese Gegenüberstellung ermöglicht es, neben den mit polemischer Härte ausgestellten Brüchen auch die Kontinuitäten zwischen zwei Generationen japanischer Filmemacher in den Blick zu nehmen. Denn so wie das neue Kino zwangsläufig Spuren des alten mit sich führt, zeigt sich beim genaueren Hinsehen, dass auch am "volkstümlichen Modernisten" Kinoshita und selbst an dem "in sich selbst ruhenden" Altmeister Ozu die gesellschaftliche und ästhetische Zeitenwende nicht spurlos vorübergegangen ist.

Shōchiku New Wave, der fünfte und vorerst letzte Teil der von Lukas Foerster und Hannes Brühwiler zusammengestellten Serie "Kino-Atlas", wird in Kooperation mit der Japan Foundation und der Japanischen Botschaft in Wien realisiert.
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