Frederick Wiseman
Das Gesamtwerk

Juvenile Court, 1973, Frederick Wiseman
10. Februar bis 5. März 2005
 
Frederick Wiseman ist einer der herausragenden Künstler in der Geschichte des Dokumentarfilms und des modernen Kinos. Sein Stellenwert ist vergleichbar mit dem eines Marcel Ophuls, Jean Rouch oder Johan van der Keuken; seine Bedeutung als Chronist und Analytiker der sozialen Realität in den USA ist unerreicht: Wisemans „Gesamtfilm“, bestehend aus 35 einzelnen Arbeiten, bildet ein einzigartiges Dokument dieses Landes über vier Dekaden hinweg, von den 60er Jahren bis heute. Im Rahmen dieser Retrospektive wird der 75jährige Regisseur viele seiner Arbeiten selbst präsentieren und eine große Lecture über seine dokumentarische Arbeitweise halten.
 
1930 in Boston geboren, unterrichtete Wiseman nach Abschluss seines Jus-Studiums einige Jahre an verschiedenen juridischen Fakultäten. Seit 1967 arbeitet er als unabhängiger Filmemacher; 1971 gründete er seine eigene Firma Zipporah Films. Bereits mit seinen ersten Filmen Titicut Follies (1967), High School (1968), Law and Order (1969) und Hospital (1970) gewann er wichtige Preise und die Anerkennung der internationalen Filmkritik. Seitdem konnte er in bewundernswerter Kontinuität (und Unabhängigkeit) nahezu jedes Jahr einen neuen Film realisieren.
 
In seiner Arbeitsweise ist Wiseman bis heute dem amerikanischen Direct Cinema verpflichtet: keine „talking heads“, keine Interviews, kein erklärender Off-Kommentar, keine hinzugefügte Musik. Aber im Unterschied zum klassischen Direct Cinema, das mit Handkamera und Tonband einem Ereignis folgt (einem Wahlkampf etwa) oder ausgewählte Protagonisten porträtiert (Musiker auf Konzerttournee), stehen in Wisemans Filmen öffentliche Einrichtungen im Zentrum. Aus diesem Grund treten bei ihm nicht so sehr einzelne „Helden“ auf, sondern eine Fülle von charismatischen „Nebenfiguren“ – sie bilden die eigentliche Textur der Gesellschaft.
 
Wiseman hat Schulen (High School I + II) und Krankenhäuser (Hospital, Near Death) erforscht; Rechtsprechung (Juvenile Court, Domestic Violence 2), Sozialwesen (Welfare, Public Housing, Domestic Violence I) und den Militärkomplex (Basic Training, Manoeuvre, Missile) analysiert; den Alltag an so unterschiedlichen Orten wie einem Kloster (Essene), einem Warenhaus (The Store) oder einer Model-Agentur (Model) gezeigt; und immer wieder, in unterschiedlichster Weise, die Beziehung zwischen Mensch und Tier thematisiert (Primate, Meat, Racetrack, Zoo).
 
Wiseman-Filme sind nicht linear erzählt (oder fiktional strukturiert wie zahlreiche Klassiker des Direct Cinema); ihre Montage folgt analytischen, komplexen Überlegungen. Es braucht hier keine herkömmliche Exposition, mit der das Thema „etabliert“ wird: Wiseman-Filme stoßen den Betrachter sofort mitten ins Geschehen, und wie bei der Lektüre eines Romans erschließen sich erst nach und nach jene Linien, denen die Beobachtungsfragmente folgen.
 
Wiseman selbst sieht seine Filme als „voyages of discovery“ – Entdeckungsreisen, bei denen die Begegnung mit der Wirklichkeit möglichst offen und vital gestaltet werden soll. Aus diesem Grund dreht er ohne vorgefasstes Script und verzichtet grundsätzlich auf umfassende Recherchen vor Ort. Die Drehzeit beträgt mehrere Wochen; bis zu einem Jahr nimmt sich Wiseman Zeit für die Montage. Der fertige Film ist das Ergebnis extremer Verdichtung: Bei Drehverhältnissen von 1:30 oder 1:40 finden vom gedrehten Material lediglich fünf Prozent den Weg in den fertigen Film.
 
Alle 35 Filme, die Wiseman bis heute realisiert hat, sind auf unzähligen Ebenen miteinander verknüpft und kommentieren sich gegenseitig. Und immer ist es die Beziehung zwischen Individuum und Gesellschaft, die im Zentrum von Wisemans Kosmos steht: Jeder einzelne Film zeigt anschaulich die Kluft zwischen (demokratischer) Theorie und (gesellschaftlicher) Praxis.
 
Darüber hinaus sind diese Werke faszinierende Alltagschroniken: Mit bewundernswerter Energie und gebotener Ausführlichkeit entwirft Frederick Wiseman reichhaltige Ansichten von amerikanischen Gesichtern, Gesten und Räumen. Radikales, schillerndes Kino. The Real Thing. (Constantin Wulff)
 
Eine gemeinsame Veranstaltung von Navigator Film und dem Österreichischen Filmmuseum, in Kooperation mit dem Verein der Freunde der Filmakademie Wien und der Universität für Musik und darstellende Kunst, Abteilung Film und Fernsehen.
 
Das Projekt wird unterstützt vom Fachverband der Film- und Audiovisionsindustrie, dem BKA/Kunstsektion, Kodak Österreich und der Grünen Bildungswerkstatt. Frederick Wisemans Workshop an der Filmakademie wird unterstützt vom Filmfonds Wien. Das Tanzquartier Wien hat auf Initiative des Filmmuseums ein Research-Projekt zur Frage des Dokumentarischen in Tanz und Film entwickelt, an dem internationale Performance- und Filmkünstler teilnehmen. („Projektionen I“, 14. bis 25. Februar).
Zusätzliche Materialien