Hotel, 2021, Ludwig Wüst

Programm 1: Spreng meine Stadt

Every Day Except Christmas Lindsay Anderson, GB, 1957, 16mm, sw, 40 min. Englisch
L'Opéra-Mouffe Agnès Varda, FR, 1958, 16mm, sw, 16 min. Französisch mit engl. UT
Saute ma ville (Spreng meine Stadt) Chantal Akerman, BE, 1968, 35mm, sw, 13 min*
Hotel Heinz Emigholz, BRD, 1976, 16mm, sw, 27 min
Hotel Ludwig Wüst, D: Anna Franziska Srna, AT, 2021, DCP, Farbe, 13 min. Deutsch
 
Fünf spezielle Stadtbilder, die nebenbei den Wandel im urbanen Lebensgefühl und die fortschreitende Fragmentierung der modernen Existenz beschreiben. Lindsay Andersons Every Day Except Christmas, Schlüsselwerk des britischen Free Cinema, schildert im rhythmischen Einklang mit den Anforderungen der Arbeit die täglichen Abläufe rund um den berühmten Obst- und Gemüsemarkt am Londoner Covent Garden – Eckpfeiler einer working class world, die mit dem Zeitenwandel des Wirtschaftswunders und der Konsumkultur verschwinden wird (der Markt wird binnen der folgenden Dekade unrentabel und 1974 endgültig übersiedelt). Agnès Vardas entwaffnendes impressionistisches Filmgedicht L'Opéra-Mouffe nutzt fast gleichzeitig die Alltagswelt ihres Pariser Viertels (rund um einen anderen berühmten Markt in der Rue Mouffetard) als Spielball für poetische Projektionen und fantasievolle Spekulation – es ist auch die ambivalente Autobiografie ihrer Schwangerschaft, eine Frage an die Zukunft. Wo Varda in Kontakt mit der Umgebung tritt, setzt eine andere bahnbrechende Filmemacherin hingegen auf den endgültigen Rückzug in die eigene Wohnung und vollzieht als selbstzerstörerisches Fanal gegen die Konformität einen explosiven Befreiungsschlag, der titelgemäß sogar die eigene Stadt wegfegen soll: Mit Saute ma ville liefert die gerade einmal 18jährige Chantal Akerman eine Art Manifest – zu ihrem künftigen Kino und einer modernen Sensibilität. Letztere drückt sich im ersten Tonfilm des deutschen Experimental-Genies Heinz Emigholz auf völlig neuartige Weise in einer erstaunlichen Versuchsanordnung zu Raum, Zeit und Wahrnehmung aus. Wo bei Emigholz das titelgebende Hotel als Fenster für den Blick nach Außen dient, ist es im gleichnamigen neuen Kurzfilm von Ludwig Wüst der Schauplatz einer Offenbarung des Innenlebens: Wie bei Akerman wird in einem urbanen Rückzugsraum zum Befreiungsschlag angesetzt, mit einem von Anna Franziska Srna großartig gespielten, aufwühlenden Bekenntnis-Monolog ins Handy. Doch die Anforderungen der Außenwelt und des Lebens lassen sich nicht einfach so abstreifen: Wüsts Werk erforscht die seelische Verwundung mit einer unsentimentalen Präzision und Resonanz, die an die Meisterschaft von Kurzgeschichten-Spezialisten wie Ernest Hemingway erinnert. (C.H.)
 
In Anwesenheit von Ludwig Wüst / Einführung von Christoph Huber
 
*Herzlichen Dank an Werner Leskovar, der im Rahmen des Projekts "Filmpatenschaft" den Erwerb dieses Films für die Sammlung des Filmmuseums ermöglicht hat.