Die Betörung der blauen Matrosen, 1975, Ulrike Ottinger © Ulrike Ottinger

Die Betörung der blauen Matrosen

Regie, Drehbuch, Kamera: Ulrike Ottinger; Schnitt: Helmut Wietz; Darsteller*innen: Valeska Gert, Tabea Blumenschein, Rosa von Praunheim, Barry Tannenbaum. BRD, 1975, DCP (von 16mm), Farbe, 47 min. Diverse Sprachen mit dt. UT
 
Uniform, Pailletten- und Federkleid – Fragmente von Kostümen eröffnen die zweite Collage-Arbeit von Ulrike Ottinger und Tabea Blumenschein. Wieder ist die Verwandlung der Schlüssel, um der "Ironie des Schicksals" zu entgehen. Zwei Matrosen beobachten begierig den Kampf zwischen "Organischem" (Valeska Gert als alter Vogel! Tabea Blumenschein im üppigsten Federkleid!) und "Synthetischem" (ein Hawaimädchen) durchs Fernglas – und sterben. Einer nicht, er/sie (Blumenschein abermals) nimmt eine Südseefrau im Travestiepuff und verkehrt hier sämtliche Spielregeln der Identifikation. Ein vielschichtiger Mix aus literarischen Fragmenten (Apollinaire bis Stein), operettenhaftem Musikeinsatz (Hawaimusik, Musette-Walzer bis in kultische Ketchak-Rhythmen) und Showbizz-Zitaten (zum Brüllen die Dietrich-Figur). Bestechend: Ottinger herself als "die Nymphe der deutschen Romantik". Queerste Schönheit, im opulentesten Kitsch zitiert. (K.M.)

Laokoon & Söhne

Regie, Drehbuch, Kamera: Ulrike Ottinger; Text: Chiquita Brook (aka Xavier Arroyuelo), Ulrike Ottinger; Erzähler*in: Ulrike Ottinger; Darsteller*innen: Tabea Blumenschein u.a. BRD, 1975, DCP (von 16mm), sw, 50 min. Deutsch
 
Eine queer-feministische Gegenkunstwelt, "gegen den strengen theatralischen Anspruch": Ulrike Ottingers erster mit Tabea Blumenschein gemeinsam realisierter Film – in der Berliner Szene liegt den beiden "Wunderfrauen" die Welt zu Füßen – ist ein Märchen voll Humor, Camp, Kitsch und Coolness. Laokoon mag lediglich Söhne gehabt und die klassizistische Ästhetik nur Männer vorgesehen haben, das macht aber nichts: Was nicht ist, wird erschaffen – zum Spiel und Ziel der gemeinsamen Exaltation, die auch eine Fußwaschung mit Rotwein beinhalten kann. "Sich berauschen durch Veränderung", danach trachtet die Protagonistin Esmeralda del Rio. In einem Land, in dem nur Frauen* wohnen, ist sie auf der Suche nach einem neuen Empfinden, nimmt im Taumel der Veränderungen eine Reihe von weiblichen* Rollen und zuletzt die eines "kleinen Gigolos" an, der sich mit einem "alten Päderasten" einlässt. Transformation ist, was eine*n weiterbringt – bereits dort, wo sie die Wahrnehmung betrifft. (K.M.)

Courtesy Arsenal

Die Betörung der blauen Matrosen (1975) wird am 27. Mai ebenfalls gezeigt, Laokoon & Söhne (1975) am 30. Mai. Beide in Anwesenheit von Ulrike Ottinger.