Nusja dhe shtetrrethimi, 1978, Kristaq Mitro & Ibrahim Mucaj (Foto: Arkivi Qendror Shteteror i Filmit)
Dolina miru (Tal des Friedens), 1956, France Štiglic (Foto: Slovenski filmski center)
Corbari, 1970, Valentino Orsini (Kadervergrößerung ÖFM)
Zvony pre bosých (Glocken für die Barfüßigen), 1965, Stanislav Barabáš (Foto: Slovenský filmový ústav)
Sutjeska (Die fünfte Offensive – Kesselschlacht an der Sutjeska), 1973, Stipe Delić
Atentát (Das Attentat), 1965, Jiří Sequens (Foto: Narodni Filmovi Archiv)
1 homme de trop (Ein Mann zuviel), 1967, Costa-Gavras
La Bataille du rail (Schienenschlacht), 1946, René Clément

O partigiano! Paneuropäischer Partisanenfilm

25. Oktober bis 4. Dezember 2019
 
Die gemeinsame Retrospektive des Österreichischen Filmmuseums und der Viennale widmet sich heuer dem Partisanenfilm-Genre. Zwischen den 1940er und den 1980er Jahren entstanden europaweit, vom Westen über die neutralen und blockfreien Staaten bis in die Sowjetunion, Filme, die über den bewaffneten zivilgesellschaftlichen Widerstand gegen den Faschismus erzählten. Im Westen wie im Osten beschwor das Kino diesen Kampf "von unten" gegen Faschis­mus, Unterdrückung und Terror als "Gründungsmythos" der jeweiligen Nachkriegsordnung ihrer Gesellschaften und als Stütze sich neu formierender nationaler oder paneuropäischer Identitäten.
 
Vor allem in den sozialistischen Staatenbünden der Sowjetunion und Jugoslawiens spielte der Partisanenfilm eine wichtige Rolle. Diese Filme waren für die sozialistischen Filmindustrien das, was der Western für das Hollywoodkino war: das bestimmende Genre seiner Zeit und ein bedeutsames Mittel, um dunkle Flecken der Zeitgeschichte umzudeuten oder gar "weißzuwaschen". Und wie der Western verlor auch der Partisanenfilm zunehmend an Mainstream-Relevanz, um sich in den 1960er und 1970er Jahren ideologiekritisch neu zu erfinden.
 
Zu ihrer Entstehungszeit und im jeweiligen nationalen Kontext populär, sind diese Filme bis auf wenige gefeierte Einzelwerke heute nahezu unbekannt. Zu den "Klassikern" zählen beispielsweise Roberto Rossellinis Roma città aperta (1944) und Andrzej Wajdas Kanał (1957): Arbeiten, die im Kanon der Filmgeschichte weniger als Partisanenfilme, denn als Schlüsselwerke anderer Strömungen wie des Neorealismus stehen. "O partigiano!" erlaubt es erstmals, das Erbe des Partisanenfilms in all seiner ästhetischen Vielfalt und in seinem historisch-politischen Kontext zu entdecken: in 48 Kapiteln (Filmen) aus 20 Produktionsländern, von denen die drei größten – die Tschecho­slowakei, die Sowjetunion sowie die Sozialistische Föderative Republik Jugoslawien – nicht mehr existieren. Die Bandbreite reicht vom neorealistischen Drama bis zum Musical (dem Boris Barnets Slavnyi malyi von 1942 sehr nahe kommt), von der Actionkomödie (Diverzanti, 1967) bis zum bombastischen Militärspektakel wie Bitka na Neretvi (1968) mit Yul Brynner als Partisan und Orson Welles als sadistischem Kollaborateur. Große Namen des westlichen Kinokanons wie Costa-Gavras, Munk, Wajda und natürlich Rossellini treffen auf in Wien weniger vertraute Meister wie Gerasimov, German und Turov sowie gänzlich neu zu entdeckende Eigenwillige wie zum Beispiel France Štiglic oder Živojin Pavlović, von denen wir gleich mehrere Werke zeigen.
 
Was mit dieser Schau sichtbar werden soll, sind nicht nur groß­artige und rare Filme (das auch!), sondern eine Idee: wie das Kino über die Blockgrenzen hinweg dazu beiträgt, aus der gemeinsamen historischen Erfahrung der Überwindung des Faschismus und der Gräuel des Naziterrors neue Werte und Identitäten zu schaffen. Als "populärster aller Künste" kommt dem Kino im geteilten Europa der Nachkriegszeit eine wichtige Rolle zu: aus Trümmern und Spaltung (nationale) Einheit zu schaffen, Trauerarbeit zu leisten und Traumata zu bewältigen, Geschichte zu schreiben und umzuschreiben.
 
Können wir den Partisanenfilm als eine Art Keimzelle eines europäischen Nachkriegskinos verstehen? Und was bedeutet uns dieses Kino heute, zu einer Zeit, in der die Grundpfeiler des europäischen Nachkriegsprojekts in Frage gestellt werden und illiberale und autoritäre Rhetorik zunehmend an Boden gewinnt? In jedem Fall bietet unsere Retrospektive die Gelegenheit, dieses nahezu vergessene Kapitel der Filmgeschichte auf 35mm und im Kino wiederzuentdecken: als ästhetisch und erzählerisch herausragende Kunstwerke sowie als Zeitdokumente einer Ära, in der man einen Faschisten noch ungestraft als solchen bezeichnen konnte. (Michael Loebenstein, Jurij Meden)

Eine gemeinsame Retrospektive der Viennale und des Österreichischen Filmmuseums.
In Kooperation mit dem Institut für Slawistik der Universität Wien.
 
Wir freuen uns über zahlreiche internationale Gäste die Einführungen zu Filmen halten werden: Vladimir Angelov (Direktor Cinémathèque Nordmazedonien), Marie Barešová (Kuratorin, Nationales Filmarchiv Prag), Michal Bregant (Direktor Nationales Filmarchiv Prag), Naser Curi (Produzent), Stephen Howarth (Historiker), Elena Kadare (Drehbuch), Evgenij Margolit (Historiker), Kristaq Mitro (Regisseur), Andrej Šprah (Historiker), Peter Stanković (Historiker), Rastislav Steranka (Direktor Slowakisches Filminstitut).
 
Während der Viennale von 25. Oktober bis 6. November sind keine Reservierungen möglich, es gelten gesonderte Ticketregelungen.

 
Zusätzliche Materialien

Programm: