Resonanz von Exil, Ausstellungsansicht, Museum der Moderne Salzburg, 2018 © Museum der Moderne Salzburg, Foto: Rainer Iglar
AMOS VOGEL
"Ich habe mein ganzes Leben damit zugebracht, Leute aus der Ruhe zu bringen."
Amos Vogel wurde am 18. April 1921 in Wien als Amos Vogelbaum geboren. 1938 emigrierte er über Kuba in die USA, wo er bis zu seinem Tod am 24. April 2012 in New York und Philadelphia lebte. Amos Vogel war eine der bedeutendsten Persönlichkeiten der internationalen Filmkultur.

Er war Gründer und Kurator von Cinema 16 (1947–1963), dem größten Filmclub der USA mit Schwerpunkt auf unabhängigen Film; Gründungsdirektor des New York Film Festival (1963–1968) mit Fokus auf zeitgenössische Avantgarde; Essayist und Autor des filmtheoretischen Standardwerks Film als subversive Kunst (1974); Professor für Film Studies an der Annenberg School for Communication der University of Pennsylvania; Vortragender, Kritiker und Berater bei zahlreichen internationalen Filmfestivals.
 

 

Leben


1921
18. April
Geboren als Amos Vogelbaum in Wien
Mai
Sigmund Freud: "Massenpsychologie und
27. Juli
Marcia Diener
1923
21. September
Rotes Wien: Beginn des
1924
21. Januar
Lenin stirbt
1927
Alfred Adler: "Menschenkenntnis"
15. Juli
Julirevolte in Wien
1928
Vogels Laterna Magica
1929
24. Oktober
Börsenkrach in New York
1930
Sigmund Freud: "Das Unbehagen in
12. Oktober
Karl-Marx-Hof
1931
Wilhelm Reich verlässt Wien
1933
Mitglied im Urania Filmclub
Wilhelm Reich: "Die Massenpsychologie des
30. Januar
Hitler ergreift die Macht
07. März
Zensur in Österreich
1934
Song of Ceylon
12. Februar
Februaraufstand
18. April
Verbotene Bücher
August
Ausschluss von Wilhelm Reich
1935
Mitglied bei Brith Bilu
1936
Moskauer Schauprozesse
Night Mail
1938
12. März
"Anschluss" von Österreich
13. März
Ausschluss aus Schulen
14. März
Übergriffe und Demütigungen
April
Jugend Alijah
September
Emigration und Exil
Oktober
Überfahrt Hamburg – Havanna
November
Ankunft in Kuba
1939
April
Landwirtschaftschule, Georgia/USA
Mai
Rassentrennung
01. September
Zweiter Weltkrieg
23. September
Sigmund Freud stirbt
1940
21. August
Ermordung von Trotzky
Dezember
Entscheidung für die USA
1941
März
New School for Social Research
April
New York Times
Mai
Gelegenheitsjobs
08. Dezember
Kriegseintritt der USA
1942
März
Vorlesungen von Meyer Schapiro
1943
19. März
Aufstand im Warschauer Ghetto
1944
September
US-Staatsbürgerschaft
1945
27. Januar
Befreiung von Auschwitz
05. Mai
Kriegsende in Europa
06. August
Atombombe auf Hiroshima
06. August
Heirat mit Marcia Diener
1946
Februar
Maya Deren
1947
15. August
Unabhängigkeit Indiens
November
Cinema 16
Dezember
Gegen Zensur
1948
30. Januar
Ermordung von Ghandi
März
Cinema 16 Filmverleih
14. Mai
Unabhängigkeit Israels
1949
Juni
Cinema 16 wächst
1952
Januar
Pamphlet One
1954
Januar
François Truffaut
21. Februar
Geburt von Steven Vogel
27. Juni
Militärputsch in Guatemala
1955
Mai
Film Culture
05. Dezember
Bürgerrechtsbewegung
1956
Allan Ginsberg
Alfred Hitchcock
Weegee's New York
23. Oktober
Ungarnaufstand
1957
Rudolf Arnheim
03. November
Wilhelm Reich stirbt
1958
03. Mai
Geburt von Loring Vogel
1959
01. Januar
Revolution in Kuba
Februar
Kurzfilmtage Oberhausen
11. November
Shadows & Pull My Daisy
1961
08. Januar
Deutsche Kurzfilme im Cinema 16
13. August
Bau der Berliner Mauer
14. Dezember
The Village Voice
1962
Februar
Neuer deutscher Film
05. Juli
Unabhängigkeit Algeriens
September
Cinema 16 in Schwierigkeiten
1963
Wie der kleine Lori den Times Square besuchte
April
Ende von Cinema 16
28. August
"Ich habe einen Traum"
September
Erstes New York Film Festival
22. November
Ermordung von John F. Kennedy
1964
Februar
Österreichisches Filmmuseum
06. August
US-Intervention in Vietnam
1965
21. Februar
Ermordung von Malcom X
07. März
Blutiger Sonntag
1966
Schwarze Welle
Black Panther
1967
Philharmonic Hall Magazine
Dreizehn Verwirrungen
05. Juni
Sechstagekrieg
September
Konferenz für Filmpädagogik
Oktober
Tschechoslowakisches Filmfestival
1968
16. März
Massaker von My Lai
04. April
Ermordung von Martin Luther King
03. Mai
Pariser Mai
21. August
Ende des Prager Frühlings
September
Ratschläge für Kinobesucher
02. Oktober
Massaker von Tlatelolco
Dezember
Ausstieg aus dem New York Film Festival
1969
Filmberater für Grove Press
1970
Internationales Presse Film Festival
Kurze Hinweise für einen Film
1971
Mysterien des Organismus
1973
Annenberg Cinematheque
11. September
Ermordung von Salvador Allende
06. Oktober
Jom-Kippur-Krieg
1974
Film als subversive Kunst
09. August
Watergate Affäre
September
Professor an der Annenberg School
1979
19. Juli
Revolution in Nicaragua
Oktober
Bürgerkrieg in El Salvador
1980
08. Dezember
Ermordung von John Lennon
1981
Niederschlagsgebiete
1982
Lincoln Center
Werner Herzog
1983
01. April
Erinnerung und Prävention
1987
04. März
Iran-Contra Affäre
Dezember
Erste Intifada
1989
09. November
Fall der Berliner Mauer
1990
Professor Emeritus
1991
16. Januar
Golfkrieg
1993
Oktober
Aufbruch ins Ungewisse
1994
01. Januar
Aufstand der Zapatistas
April
Du musst überleben…
10. Mai
Nelson Mandela
1995
Emigration N.Y.
06. Februar
Oral History Interview
März
Sinn des Avantgardekinos
1996
29. Dezember
Friedensvertrag in Guatemala
1997
Film als Subversive Kunst in Deutsch
2000
Zweite Intifada
2001
11. September
9/11
07. Oktober
Krieg in Afghanistan
2003
20. März
Zweiter Irakkrieg
2008
14. März
Kino wider die Tabus
2009
01. Februar
Marcia Vogel stirbt
2010
Dezember
Arabischer Frühling
2011
15. März
Krieg in Syrien
18. April
Ein Abend für Amos Vogel
2012
24. April
Amos Vogel stirbt


Juvenalia Amos Vogel Library © The Estate of Amos Vogel
Kindheit & Jugend
"Ich wurde in eine bürgerliche Familie hineingeboren, beiderseits jüdisch. Mit ungefähr sieben Jahren bekam ich eine Laterna Magica mit Farbdias. Ich war begeistert. Später kaufte mir mein Vater einen 9,5mm Heimkino-Projektor. Ich habe es genossen, die Filme auch rückwärts laufen zu lassen – die Magie, die Realität zu transformieren und zu unterwandern."

"Außerdem gab es in Wien eine Filmgesellschaft. Es fällt mir schwer zu glauben, aber ich muss im Alter von zwölf oder dreizehn Jahren Mitglied geworden sein. Ein Film, an den ich mich besonders und sehr lebhaft erinnere, ist Night Mail. Der ganze Begriff des Dokumentarischen gewann für mich durch diesen Film an Bedeutung. Zugleich wurde mir klar, dass es sich um einen wirklich poetischen Film handelte und ich war erstaunt, dass ein so langweiliges Thema derart interessant dargestellt werden konnte."

"An einem meiner Geburtstage brachte mich mein Vater in eine Buchhandlung. Der Inhaber brachte uns in einen verschlossenen Hinterraum, der voll mit dieser (verbotenen linken) Literatur war und mir wurde erlaubt, zwölf Bücher ‚für zwölf Monate‘ herauszusuchen und zu kaufen."
Amos Vogel © The Estate of Amos Vogel
Emigration & Exil
Amos Vogel konnte Wien erst im Herbst 1938 verlassen, sechs Monate nach dem "Anschluss" Österreichs durch Hitler: "Ich werde nie vergessen was ich in diesen sechs Monaten erlebt habe. Ich hatte großes Glück, dass ich gehen konnte. Wenn ich gewartet hätte, wäre ich zweifellos schon längst tot. Das war sehr traumatisch und ist mir mein ganzes Leben lang in Erinnerung geblieben."

"Ich hatte ein Stipendium an einer Landwirtschafts-schule in Georgia bekommen. Eine sehr seltsame Begegnung mit Amerika. Ich hatte ein Land verlassen, in dem auf den Parkbänken stand: 'Juden und Hunde dürfen hier nicht sitzen.' Hier sah ich Trinkbrunnen mit der Aufschrift: ‚'Nur für Weiße.' Das war eine ganz wichtige Lektion für mich. Mir wurde klar, dass die ganze Sache mit dem Faschismus und der Diskriminierung anderer Menschen nicht einfach auf die Deutschen beschränkt ist, und dass sie nicht die einzigen Menschen sind, die dazu fähig sind."

"Ich wollte hier bleiben und das erste was ich tat, war um ein Stipendium an der neu gegründeten New School for Social Research anzusuchen. Das war ein neues College in New York, das von emigrierten Wissenschaftlern betrieben wurde. Ich besuchte den Lehrgang für Politik und ging, nachdem ich tagsüber gearbeitet hatte, nachts zur Schule. Ich war einer der ersten Absolventen. Ich erhielt einen Bachelor of Arts in Politik und Ökonomie. Ich hatte die bescheidene Absicht, die Welt zu einem besseren Ort zu machen."
Amos and Marcia Vogel at Cinema 16, 1955 © Peter Martin
Cinema 16
Inspiriert durch das Werk von Maya Deren gründeten Amos Vogel und seine Frau Marcia den Filmclub Cinema 16. Die Vorführungen wurden in enger Zusammenarbeit mit Jack Goelman organisiert. Vogel, ein Pionier in der Präsentation dessen, was später als unabhängiger Film bezeichnet wurde, nahm sich des nicht-mainstream Kinos an. 16mm Filme, Dokumentar-, Bildungs-, Wissenschafts- und Experimentalfilme wurden von 1947 bis 1963 wöchentlich für tausende Menschen an verschiedenen Veranstaltungsorten in New York City gezeigt.

Yasujirō Ozu, Nagisa Oshima, Alain Resnais, Jacques Rivette, Agnès Varda, Robert Bresson oder Roman Polanski, sowie Kenneth Anger, Stan Brakhage, James Broughton, Bruce Conner und John Cassavetes waren nur einige der Filmemacher*innen die im Cinema 16 zum ersten Mal gezeigt wurden. In späteren Jahren waren sogar Mainstream-Regisseure wie Alfred Hitchcock im Filmclub zu Gast.

"An einem bestimmten Punkt sagte ich zu Marcia: ‚'Hör zu. Weißt du was ich denke, was wir vielleicht tun könnten? Warum mieten wir nicht diesen Ort für zwei Abende. Ich gehe zu verschiedenen Verleihern und versuche einige Filme zu finden, die meiner Meinung nach ein gutes Programm ausmachen und wir zeigen ein Programm mit einer Auswahl von Kurzfilmen.' Die Grundidee dabei war so: Wenn ich daran interessiert bin solche Filme zu sehen, muss es in einer Stadt mit sieben Millionen Einwohnern auch andere solcher Leute geben."

"Es war ein riesiger, umwerfender und sofortiger Erfolg. Wir mussten das erste Programm sechzehn Abende lang wiederholen! Mit zwei Vorstellungen pro Abend! Meine naive, aber logische Annahme erwies sich sofort als richtig. Ich habe keinen Zweifel daran, dass es ebenso gut geworden wäre, wenn ich andere Filme ausgewählt hätte, solange sie nur ein abgerundetes Programm ausmachten. Die Idee funktionierte nicht wegen meiner Vortrefflichkeit als Programmierer oder so, sondern weil die historischen Umstände es dem Cinema 16 erlaubten, ein echtes soziales Bedürfnis zu erfüllen."
Amos Vogel, 1970s © The Estate of Amos Vogel
New York Film Festival
Amos Vogel gründete das New York Film Festival 1963 und programmierte bis 1968 die sorgfältig kuratierten Veranstaltungen in enger Zusammenarbeit mit Richard Roud.

Vogel über die Eröffnung des ersten Festivals: "Das war eine der riskanten Sachen, die wir gemacht haben, unser eigener privater Witz und der war ziemlich schlau. Als ersten Film für die Eröffnung des Festivals hatten wir bewusst einen Film von Buñuel mit dem Titel Der Würgeengel ausgewählt. Ich weiß nicht ob Sie diesen Film gesehen haben, aber er handelt von einem Haufen bourgeoiser Leute in einem Raum, die plötzlich herausfinden, dass alle Türen verschlossen sind, und dass sie nicht mehr hinaus können. Der ganze Film ist eine Kritik der Bourgeoisie. Sie können nicht raus, usw., und man kann sich vorstellen, was Buñuel aus dieser Situation gemacht hat ... Es war ganz wunderbar, dass es am Ende des Films als die Leute das Kino verlassen wollten, zu einem gewaltigen Rückstau kam. Sie konnten nicht raus und das war sehr komisch. Die Premiere war ein riesiger Erfolg."

Das unerfüllte Film-Versprechen am Lincoln Center: "Die Veränderung der Eigentümerschaft am Festival entsprach der amerikanischen Verbindung von Kultur und Konzernen, die nun am eigenen Körper erfahrbar wurde. Es waren die Zeichen einer zunehmenden Kommerzialisierung des kulturellen Lebens, gegen die ich auftrat. Meine filmischen Fähigkeiten passten nicht zu den Vorstellungen der Konzernleiter. Ich trat 1968 von meinem Posten zurück; ein Schritt, über den ich immer traurig war und den ich nie bereut habe. Der Traum von einem echten Filmzentrum im Lincoln Center wurde dadurch aber zunichte gemacht."
Amos Vogel (Courtesy Annenberg School of Communication)
Film Professor
Amos Vogel gründete 1973 die Annenberg Cinematheque an der University of Pennsylvania. Er lehrte dort 20 Jahre lang, ebenso in Harvard, der New School for Social Research, der New York University und der Columbia University.

"Ich habe auch die Annenberg Cinematheque gegründet. Es gab dort auf dem Campus einige sehr schöne Kinos, darunter ein großes mit 1.000 Sitzplätzen und ich begann erneut Filme zu zeigen. Ich war sehr glücklich darüber und obwohl ich mich an die gleiche Formel von vielen Kurzfilmen in einem Programm hielt, habe ich zum ersten Mal in meinem Leben relational nach Motiven und Themen programmiert."

"Ich genoss die Erfahrung des Unterrichtens, bei der ich plötzlich anstatt wie bei einem Festival 60.000 Menschen nur durch das Zeigen von Filmen anzusprechen, auf einer Mikroebene zwar nur eine Handvoll Leute erreichen konnte, dafür aber auf einer tieferen Ebene. Ich konnte Einfluss auf sie nehmen und sie für etwas interessieren, um das es beim Film überhaupt geht: das Visuelle, den Schnitt, den Ton, die hinter dem Narrativ verborgenen ideologischen und politischen Absichten, usw."

"Sehen Sie, ich hatte großes Glück in meinem Leben, weil ich (a) an Dingen gearbeitet habe, die ich liebte und (b) an die ich glauben konnte. Das trifft meiner Meinung nach für 95% der Menschheit nicht zu. Ich hatte also großes Glück."

 
Bibliothek

In der Amos Vogel Library befinden sich mehr als 8.000 Bücher, Zeitschriften und Juvenalia. Trotz einiger seltener und mit Autographen versehener Exemplare handelt es sich um eine Arbeits- und Forschungsbibliothek. Ihre Besonderheit besteht in Vogels zahlreichen Annotationen, die Zeugnis von seiner intensiven Lektüre ablegen.
 
Amos Vogel in his New York apartment © Egon Humer
"Ich habe nie Filme gesammelt – aber ich habe Bücher gesammelt. Nicht nur das, ich habe Bücher nicht nur gesammelt, ich habe sie auch gelesen!

Wissen Sie, manche Leute sammeln Bücher und lesen sie nicht. Also das ist für mich ein Rätsel. Wissen Sie, jetzt zum Beispiel durchforste ich Buchhandlungen. Ich bemühe mich immer auf dem neuesten Stand zu sein, zu bekommen was verfügbar ist, usw.

Mein Interesse an der Welt ist unaufhörlich. Ich habe ein äußerst aktives Interesse daran, wie die Welt ist, wie sie sein könnte oder sollte. Ich beschäftige mich sehr intensiv mit sozialen Themen, das war mein ganzes Leben lang so. Das kommt mehr von Büchern als von Filmen."
Steven Vogel 2015 in der Amos Vogel Library (Foto: ÖFM © Elisabeth Streit)
Seine Söhne Steven und Loring Vogel traten an Alexander Horwath, den damaligen Direktor des Filmmuseums mit dem Vorschlag heran, die Bibliothek nach Wien an den Geburtsort ihres Gründers zurückzubringen.
 
"Nach dem Tod meines Vaters erwarb das Österreichische Filmmuseum seine gesamte Bibliothek und arrangierte den Rücktransport in die Stadt, in der er die ersten 17 Jahre seines Lebens verbrachte, bis die Nazis und ihre Wiener Anhänger ihn und seine Familie grausam ins Exil zwangen. Diese Rückkehr bedeutete für die jüngere Generation im Filmmuseum und auch für mich und meinen Bruder möglicherweise eine Art von Versöhnung."

Steven Vogel
Das Filmmuseum freut sich, die Amos Vogel Library der Öffentlichkeit zugänglich zu machen und damit neue Einblicke in die Denk- und Arbeitsweisen dieses ebenso bedeutsamen wie subversiven Pioniers der internationalen Filmkultur zu ermöglichen.
 
"Indexing the Amos Vogel Library" - Tutorial von Tom Waibel & Elisabeth Streit
Cover "Film as a Subversive Art"
Film als subversive Kunst
Mit seinem äußerst unkonventionellen Zugang zur Filmgeschichte analysiert Amos Vogel 1974 die ästhetische, sexuelle und ideologische Subversion im Kino, die Unterwanderung und Verschiebung von Bewusstem und Unbewusstem, die Entmystifizierung visueller Tabus, die Zerstörung der filmischen Form und die Rebellion gegen Werte und Institutionen.

"Das vorliegende Buch beschäftigt sich mit der Subversion, Zerstörung oder Veränderung der bestehenden Werte, Institutionen, Sitten und Tabus in Ost und West, bei Linken und Rechten, durch die vielleicht einflussreichste Kunst des Jahrhunderts. Es ist skeptisch gegenüber den allgemein anerkannten Erfahrungen und Erkenntnissen (einschließlich der hier vorgetragenen), gegenüber ewigen Wahrheiten, Kunstregeln, Naturgesetz und Ordnungsprinzip, gegenüber allem, was heilig ist; und es versucht, aus dem Schaffen und Wirken der einzelnen Umstürzler einen flüchtigen Augenblick festzuhalten – den flüchtigen Augenblick, von dem dieses Buch lebt.

Die Subversion im Kino beginnt, wenn im Zuschauerraum das Licht ausgeht und die Leinwand hell wird. Das Kino wird zum magischen Ort: psychologische und umgebungsbedingte Faktoren schaffen eine Atmosphäre, die für Wunder und Suggestion aufgeschlossen macht. Das Unbewußte wird freigesetzt. Der Zuschauerraum wird zum Sanktuarium, wo in Dunkelheit und abgeschieden von der Außenwelt moderne Rituale gefeiert werden, die ihren Ursprung in atavistischen Erinnerungen und unbewußten Sehnsüchten haben.
 
Die Macht des Bildes ist real, ebenso unsere Angst davor und die Faszination, die von ihm ausgeht. Nur wenn wir die Augen schließen – was im Kino nicht allzu sinnvoll wäre -, kann man sich vor ihr schützen."
"Ich denke, das ist das aufregendste und umfassendste Buch, das ich je über Avantgarde-, Underground- und außergewöhnlichen Kommerzfilm gesehen habe. Die Bilder sind so treffend ausgewählt, dass sie mächtig und bereichernd wirken." (Norman Mailer)

 
Amos Vogel © The Estate of Amos Vogel
"Ich bin ein erklärter Feind und Gegner der Zensur in all ihren Formen und Gestalten, für heute, immer. Gegen jede Art von Zensur."

"Ich habe mein ganzes Leben lang nie an Projekten gearbeitet, die Profit eingebracht haben, und ich würde das auch nicht wollen. Ich wollte das nicht und ich will es auch jetzt nicht. Ich denke, der Kassenerfolg ist der Feind der Kunst."

"Ich bin ein Jude, aber ein Atheist, ein radikaler Sozialist, aber ein Feind Stalins. Ich war ein linker Zionist und jetzt bin ich ein Anti-Zionist. Ich bin amerikanischer Staatsbürger, aber ich fühle mich als Weltbürger."

"Philosophie steckt in Bildern. Sie steckt nicht nur im Geschriebenen oder Gesprochenen. Tatsächlich bringen Bilder eine besondere Art von Philosophie zum Ausdruck. Es ist sehr wichtig, das zu begreifen, zu begrüßen und wertzuschätzen. Ich habe das mein ganzes Leben lang versucht."

"Hollywood und Fernsehen liefern uns ständig Dinge, die wir bereits gesehen haben. Die interessantesten Filme sind doch diejenigen, die Dinge zeigen, die man noch nie zuvor gesehen hat, oder die Dinge auf eine völlig neue Art und Weise zeigen. Das bringt viele Menschen aus der Fassung und hindert sie daran wertzuschätzen, was ihnen gezeigt wird. Ich dagegen ziehe es vor aus der Fassung gebracht zu werden, und eines meiner Hauptkriterien beim Betrachten von Filmen und beim Schreiben über sie ist die Unvorhersehbarkeit dessen, was ich sehe."

Aus Websters Neues Akademisches Wörterbuch (1980):
os-si-fi-ca-tion [...] 3: eine Tendenz oder ein Zustand, in dem man in eine starre, konventionelle, sterile oder ideenlose Verfassung gerät (eine Revolte gegen die ~s der Institutionen – Amos Vogel).
 
Resonanz von Exil, Ausstellungsansicht, Museum der Moderne Salzburg, 2018 © Museum der Moderne Salzburg, Foto: Rainer Iglar
Der von Paul Cronin 2014 herausgegebene Band Be Sand, Not Oil. The Life and Work of Amos Vogel versammelt sowohl ausgewählte Aufsätze und Dokumente von Amos Vogel als auch Essays über ihn und sein vielfältiges Lebenswerk.
Die Broschüre Amos Vogel. Ein New Yorker Cineast aus Wien fokussiert auf Vogels Filmkolumnen und gibt einen Einblick in die Bandbreite seines publizistischen Werks.

Die Aufarbeitung der Amos Vogel Library wurde unterstützt vom Bundeskanzleramt Österreich, vom Nationalfonds der Republik Österreich für Opfer des Nationalsozialismus und vom Österreichischen Filminstitut.
 
 
Kontakt:

Tom Waibel

Elisabeth Streit