Hush...Hush, Sweet Charlotte, 1964, Robert Aldrich
Robert Aldrich und Richard Widmark am Set von Twilight's Last Gleaming (1977) (Foto: Filmarchiv Austria)
The Longest Yard, 1974, Robert Aldrich (Foto: Park Circus / Paramount)
Hustle, 1975, Robert Aldrich (Foto: Filmarchiv Austria)
The Frisco Kid, 1979, Robert Aldrich (Foto: Filmarchiv Austria)
What Ever Happened to Baby Jane?, 1962, Robert Aldrich
Vera Cruz, 1954, Robert Aldrich
Autumn Leaves, 1956, Robert Aldrich
Ten Seconds to Hell, 1959, Robert Aldrich
Emperor of the North, 1973, Robert Aldrich (Foto: Filmarchiv Austria)
...All the Marbles, 1981, Robert Aldrich

Robert Aldrich
Rebell in Hollywood

23. Oktober bis 30. November 2026

Robert Aldrich (1918–83) zählt zu den größten Filmemachern Hollywoods. Seine knapp drei Jahrzehnte und 30 Filme umspannende Laufbahn als Regisseur wurde von Welterfolgen gekrönt, darunter so berühmte Titel wie Vera Cruz (1954), What Ever Happened to Baby Jane? (1962), The Dirty Dozen (1967) und The Longest Yard (1974). Dazwischen definierte er mit Meisterwerken wie dem apokalyptischen Film noir Kiss Me Deadly (1955) oder dem desillusionierten Spätwestern Ulzana's Raid (1972) ganze Genres neu und wurde dafür von der Kritik – wenngleich oft verspätet – gefeiert. Dabei war Aldrich bereits nach einer Handvoll von Filmen in Frankreich von den damals noch als Kritikern tätigen baldigen Filmemachern der Nouvelle Vague – darunter Claude Chabrol, François Truffaut und Jean-Luc Godard – als ein Musterbeispiel für ihre politique des auteurs gepriesen worden. Selbst die oft verfeindeten Leitmedien Cahiers du cinéma und Positif waren sich einig, als sie 1955 zum "Aldrich-Jahr" erklärten.
 
Doch im Gegensatz zu Zeitgenossen wie Sam Fuller oder Nicholas Ray wurde Aldrich nie kanonisiert. Sein Name wurde nicht allgemein geläufig wie jener von Stanley Kubrick, obwohl einige von Aldrichs Filmtiteln sehr wohl große Bekannheit er­langten. Letztlich scheint es nur angemessen, dass sich ein so rebellischer Geist wie Aldrich gegen gewöhnliche Klassifizierungen sperrt und stattdessen seit Generationen immer wieder neu entdeckt wird. Das verdankt sich vor allem seiner kämpferischen Persönlichkeit und der Kompromisslosigkeit seines Werks: Obwohl er populäre Filme für ein Massenpublikum machte, war seine Botschaft stets sub­versiv. Sein großes Thema – das Leben als ständiger Kampf – war ungemütlich: Wie überlebt man in einer feindlichen Welt? Selbst unter seinen engagierten Kollegen stellten wenige den Status quo so konsequent infrage wie Aldrich. Er bediente nur scheinbar die Formeln der Traumfabrik, um sie mit brechtischen Exorzismen zu unterwandern, und blieb sich dabei stets treu. So hatte er keine Skrupel, alle vor den Kopf zu stoßen – seine Bewunderer und sein Publikum eingeschlossen.
 
Das zeigte sich schon in jungen Jahren: Robert Burgess Aldrich entstammte einem bedeutenden, konservativen Clan, gegen dessen Weltsicht er sich auflehnte. Sein Großvater hatte die Politik der Republikanischen Partei mitgeprägt, seine Tante John D. Rockefeller Jr. geheiratet. Robert sollte traditionsgemäß eine Laufbahn in der Politik, im Finanz- oder Zeitungswesen einschlagen, doch während seines Studiums begeisterte er sich für Kultur und wurde zum "Filmnarr". Ein einziges Mal nutzte er die Beziehungen seiner Familie, um sich 1941 von einem Onkel einen Job in Hollywood beschaffen zu lassen. Er wurde enterbt und sagte sich vom Aldrich-Rockefeller-Clan und dessen Einstellung los: "Ich verstehe nicht, wie Menschen, vor allem arbeitende Menschen, Republikaner sein können."
 
Aldrich arbeitete sich schnell hoch: Als Assistent lernte er das Regiehandwerk bei Mentoren wie William A. Wellman, Jean Renoir, Lewis Milestone, Joseph Losey und Charles Chaplin. Dabei bemerkte er, dass man "seltsamerweise von den schlechten [Regisseuren] genauso viel lernt wie von den guten." Prägend war auch Aldrichs Tätigkeit bei der unabhängigen Produktionsfirma Enterprise, deren Kollektivgeist ihn beeindruckte. In ambitionierten Enterprise-Filmen wie Body and Soul (1947) und Abraham Polonskys Force of Evil (1948) sah Aldrich Vorbilder: Der Kampf um Selbstachtung und die einhergehende Ablehnung des kapitalistischen Systems wurden zu Leitthemen seiner Regiearbeiten. Er selbst entging der Kommunistenjagd der McCarthy-Ära, die Polonsky und andere Freunde auf Hollywoods "Schwarze Liste" brachte. 1952 inszenierte der deklarierte Workaholic Aldrich 22 Folgen für TV-Serien, gefolgt vom Kinodebüt Big Leaguer (1953). 1954 gelang ihm mit zwei bahnbrechenden Western für und mit Burt Lancaster der Durchbruch. In Apache wird ein aufständischer Idealist im Namen der Gerechtigkeit zum Terroristen: der erste von Aldrichs ambivalenten Außenseiter-Protagonisten. Noch erfolgreicher war Vera Cruz, in dem Lancaster und Gary Cooper zwei prototypische Aldrich-Antagonisten spielen, die sich bei allen weltanschaulichen Differenzen respektieren. Der fast amoralische Ton war revolutionär fürs Genre und nahm die Italowestern der nächsten Dekade vorweg. Mit Kiss Me Deadly (1955) brachte Aldrich dann den Film noir zur Explosion, indem er einen reaktionären Mickey-Spillane-Krimi auf den Kopf stellte und fast unmerklich in einen Science-Fiction-Albtraum verwandelte: eine Anti-McCarthy-Allegorie, deren kühne inszenatorische Einfälle für Begeisterung in Frankreich sorgten und die Nouvelle Vague maßgeblich mitprägten.
 
Kiss Me Deadly mag ultimativer Ausdruck der (atomaren) Ängste der 1950er sein, aber wie alle Aldrich-Filme spricht er noch immer über die Gegenwart: "They are the nameless ones who kill people for the great whatsit" ist die vielleicht poetischste Formulierung von Aldrichs Verachtung für Gier, Macht und deren korrumpierenden Einfluss. The Big Knife (1955), die erste Produktion seiner Firma The Associates & Aldrich, verlegte das Thema in die Filmbranche und provozierte mit einer vernichtenden Analyse und aggressiver Theatralik. Nachdem er jahrelang nicht in Hollywood beschäftigt wurde, gelang Aldrich mit What Ever Happened to Baby Jane? ein triumphales Comeback: ironischerweise mit einem Horrorfilm, der buchstäblich die verkrüppelnden Auswirkungen des Showbusiness zeigt. Trotz der kommerziell zugkräftigen Konzeption seiner Filme fordern sie durch Vieldeutigkeit heraus. Die besondere Komplexität seines Kinos verdankt sich auch einer schlagkräftigen Fusion von Hollywood-Entertainment mit einem "europäischen" Modernismus noch bevor beide Ende der 1960er in "New Hollywood" aufgehen sollten.

In seiner zweiten Karrierephase agierte Aldrich listig, um persönliches und populäres Kino zu balancieren und blieb im Geschäft, weil er in regelmäßigen Abständen den Nerv des Publikums traf. Seither zu Klassikern gewordene Filme wie das Überlebenskampf-Wüstenabenteuer The Flight of the Phoenix (1965) – das Aldrichs existenzialistische Weltsicht vergleichsweise optimistisch illustrierte –, enttäuschten zunächst kommerziell. Doch dann gelangen ihm wieder Riesenerfolge: Dank The Dirty Dozen machte er sich mit einem eigenen Studio unabhängig, nur um es mit kompromisslosen Filmen gleich wieder zu verspielen. Zu dieser Achterbahnfahrt durch finanzielle Höhen und Tiefen trug auch Aldrichs Konfrontationsfreudigkeit bei, die regelmäßig zu – oft auch gerichtlichen – Auseinandersetzungen mit Produzenten, Darstellern und sogar der Motion Picture Association of America führte, nachdem Letztere 1968 seinem Film The Killing of Sister George wegen der Darstellung einer lesbischen Be­ziehung das damals skandalöse X-Rating verpasste.
 
Aldrich beharrte auf seiner persönlichen Integrität, die der Überzeugung entsprang, dass man das System so weit wie möglich herausfordern müsse. Nach dem Scheitern seines Studios inszenierte er ab 1972 auch wieder "Auftragsarbeiten", die genauso unverwechselbar und nonkonformistisch gerieten wie seine Herzensprojekte. Dabei demonstrierte er noch einmal erstaunliche Vielfalt – von der charakteristisch unklassifizierbaren Depressionszeit-Actionballade Emperor of the North (1973) über den gewaltigen Atomraketen-Politthriller Twilight's Last Gleaming (1977), den bitteren Neo-Noir Hustle (1975) und dessen farcenhafte Parodie The Choirboys (1977) bis hin zum grandiosen Abschiedswerk ...All the Marbles (1981) über Wrestlerinnen auf Tournee durch die Industrieruinen der frühen Reagan­omics. In seiner Kritik an sozialen Missständen und Machtmissbrauch blieb Aldrich stets unnachgiebig: Als Präsident von Hollywoods Regie-Gewerkschaft DGA erkämpfte er bahnbrechende Verträge für die Kreativen. Selbst dem Tod stellte er sich mit derselben Konsequenz wie dem Leben. Als er 1983 nach erfolglosen Operationen arbeitsunfähig wurde, ließ er sich von der Dialysemaschine trennen und ging nach Hause: "Ich entscheide mich dafür, zu meinen Bedingungen zu sterben." Robert Aldrich hinterließ eine Lücke im Hollywood-Kino, die nie wieder gefüllt wurde. (Christoph Huber)
 
Die Retrospektive zu Robert Aldrich ist beinahe vollständig – zwei Filme können derzeit aus Rechtegründen nicht gezeigt werden – und präsentiert sein Werk (inklusive einer Schlüsselarbeit als Regieassistent) bis auf wenige Ausnahmen noch einmal im Originalformat auf historischen 35mm-Kopien. Wir danken den befreundeten Filmarchiven und Sammlern, die das möglich machten.

Eine gemeinsame Retrospektive der Viennale und des Österreichischen Filmmuseums
Während der Viennale gelten von 23. Oktober bis 4. November 2026 im Filmmuseum gesonderte Ticketregelungen.

Parallel erscheint das zweisprachige Buch Robert Aldrich: Hollywood Rebel / Rebell in Hollywood von Christoph Huber. Die Buchpräsentation findet am 25. Oktober 2026 um 16 Uhr statt.

Einführungen von Christoph Huber sowie Dominik Graf und Christian Petzold bei ausgewählten Vorstellungen

Zusätzliche Materialien

...All the Marbles

(1981, 113 min)

4 For Texas

(1963, 115 min)

Apache

(1954, 87 min)

Autumn Leaves

(1956, 106 min)

Big Leaguer

(1953, 71 min)

Emperor of the North

(1973, 121 min)

Force of Evil

(1948, 78 min)

Hustle

(1975, 120 min)

Kiss Me Deadly

(1955, 106 min)

Sodom and Gomorrah

(1962, 154 min)

Ten Seconds to Hell

(1959, 94 min)

The Big Knife

(1955, 114 min)

The Choirboys

(1977, 120 min)

The Dirty Dozen

(1967, 150 min)

The Flight of the Phoenix

(1965, 142 min)

The Frisco Kid

(1979, 119 min)

The Grissom Gang

(1971, 113 min)

The Last Sunset

(1961, 112 min)

The Legend of Lylah Clare

(1968, 130 min)

The Longest Yard

(1974, 121 min)

Too Late the Hero

(1970, 133 min)

Twilight's Last Gleaming

(1977, 145 min)

Ulzana's Raid

(1972, 103 min)

Vera Cruz

(1954, 94 min)

World for Ransom

(1954, 82 min)
Innerhalb der Schau sind die Filme in der Reihenfolge ihrer Programmierung angeordnet.
Filmdauer: 106 min
Fr, 23.10.2026 18:30
Einführung Christoph Huber / Freier Eintritt für Mitglieder
Fr, 06.11.2026 18:00
Einführung Christoph Huber
Sa, 28.11.2026 20:30
Filmdauer: 78 min
Sa, 24.10.2026 13:30
Einführung Christoph Huber
Mo, 30.11.2026 18:00
Filmdauer: 113 min
Sa, 24.10.2026 18:15
Einführung Christian Petzold
Sa, 14.11.2026 20:30
Einführung Dominik Graf
Filmdauer: 71 min
So, 25.10.2026 11:00
Einführung Christoph Huber
So, 15.11.2026 20:30
Filmdauer: 87 min
Mo, 26.10.2026 11:00
Einführung Christoph Huber
So, 08.11.2026 18:00
Filmdauer: 94 min
Mo, 26.10.2026 18:30
Einführung Christoph Huber
Sa, 07.11.2026 18:00
Filmdauer: 106 min
Di, 27.10.2026 13:30
Einführung Christoph Huber
Do, 12.11.2026 18:00
Filmdauer: 112 min
Di, 27.10.2026 18:30
Einführung Christoph Huber
Do, 12.11.2026 20:30
Filmdauer: 115 min
Mi, 28.10.2026 10:45
Einführung Christoph Huber
So, 22.11.2026 18:00
Filmdauer: 134 min
Mi, 28.10.2026 21:00
Einführung Christoph Huber
Sa, 21.11.2026 18:00
Filmdauer: 142 min
Do, 29.10.2026 10:45
Einführung Christoph Huber
Sa, 07.11.2026 20:30
Filmdauer: 133 min
Do, 29.10.2026 18:30
Einführung Christoph Huber
Sa, 21.11.2026 20:30
Filmdauer: 130 min
Fr, 30.10.2026 10:45
Einführung Christoph Huber
Mo, 23.11.2026 18:00
Filmdauer: 150 min
Fr, 30.10.2026 21:00
Einführung Christoph Huber
So, 22.11.2026 20:30
Einführung Christoph Huber
Filmdauer: 140 min
Sa, 31.10.2026 11:00
Einführung Christoph Huber
Mo, 23.11.2026 20:30
Filmdauer: 113 min
Sa, 31.10.2026 21:00
Einführung Christoph Huber
Mi, 25.11.2026 18:00
Filmdauer: 103 min
So, 01.11.2026 11:00
Einführung Christoph Huber
So, 08.11.2026 20:30
Filmdauer: 121 min
So, 01.11.2026 18:30
Einführung Christoph Huber
So, 15.11.2026 18:00
Filmdauer: 121 min
Mo, 02.11.2026 11:00
Einführung Christoph Huber
Mi, 25.11.2026 20:30
Filmdauer: 145 min
Mo, 02.11.2026 21:00
Einführung Christoph Huber
Fr, 27.11.2026 20:30
Filmdauer: 119 min
Di, 03.11.2026 11:00
Einführung Christoph Huber
Do, 26.11.2026 20:30
Filmdauer: 120 min
Di, 03.11.2026 16:00
Einführung Christoph Huber
Sa, 28.11.2026 18:00
Filmdauer: 120 min
Mi, 04.11.2026 20:30
Einführung Christoph Huber / Freier Eintritt für Mitglieder
Fr, 13.11.2026 21:00
Einführung Dominik Graf
Filmdauer: 82 min
Do, 05.11.2026 18:00
Einführung Christoph Huber
Filmdauer: 94 min
Do, 05.11.2026 20:30
Einführung Christoph Huber
So, 29.11.2026 20:30
Filmdauer: 154 min
Fr, 06.11.2026 20:30
Einführung Christoph Huber
So, 29.11.2026 17:30
Filmdauer: 133 min
Fr, 13.11.2026 18:00
Einführung Dominik Graf
Do, 26.11.2026 18:00
Filmdauer: 114 min
Fr, 27.11.2026 18:00
Einführung Christoph Huber
Mo, 30.11.2026 20:30