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Mi, 18. Februar 2026

Frederick Wiseman, 1930 – 2026

Mit Frederick Wiseman ist am 16. Februar 2026 einer der bedeutendsten Filmemacher des 20. und 21. Jahrhunderts gestorben – ein Künstler, dessen Werk in seiner Konsequenz und Tiefe kaum Vergleiche kennt. 1930 in Boston geboren, studierte er zunächst Jus und lehrte an mehreren juristischen Fakultäten, bevor er 1967 mit Titicut Follies einen der provokantesten Debütfilme der Kinogeschichte vorlegte. Seitdem realisierte er in bewundernswerter Kontinuität und oft im Jahrestakt einen neuen Film – mehr als 40 Dokumentarfilme insgesamt, die zusammen ein einzigartiges, über fast sechs Dekaden gewachsenes Panorama der modernen Gesellschaft bilden. Auch wenn das Gros seines Werkes amerikanischen Institutionen gewidmet ist, hatte Wiseman stets auch einen Fuß in Frankreich, wo er eine Reihe von Schlüsselwerken zu französischen Kulturinstitutionen sowie der Haute cuisine schuf.

Wisemans Methode war radikal in ihrer Schlichtheit: keine Interviews, keine erklärenden Kommentare, keine hinzugefügte Musik. Er folgte den Prinzipien des Direct Cinema, wandte sie aber auf öffentliche Institutionen an – Schulen, Krankenhäuser, Gerichte, Militärstützpunkte, Sozialeinrichtungen, einen Supermarkt, eine Model-Agentur, ein Kloster. Im Zentrum stand stets die Spannung zwischen demokratischem Versprechen und gesellschaftlicher Wirklichkeit, zwischen Individuum und Institution. Die daraus entstehenden Filme sind komplexe Montage-Erkundungen, die Wiseman selbst treffend als "voyages of discovery" bezeichnete. Als wahrer "Independent-Filmemacher" zeichnete Regisseur Wiseman für den Ton und den Schnitt verantwortlich, und übernahm mit der von ihm und seiner Frau geleiteten Firma Zipporah Films auch gleich den Vertrieb seiner Filme.

Auf die Frage nach seinen künstlerischen Einflüssen nannte Wiseman einmal Samuel Beckett, Eugène Ionesco, Buster Keaton, Charlie Chaplin und Groucho Marx – eine eklektische, auf den ersten Blick überraschende Liste, die dennoch einen entscheidenden Schlüssel zu seinem Werk liefert. Denn Wiseman war nicht nur einer der größten Dokumentarfilmer der Kinogeschichte, und auch nicht nur der größte amerikanische Filmemacher aller Zeiten, wie das populäre Mantra der vergangenen Jahrzehnte besagte. Er war – vielleicht vor allem – ein politisches Bewusstsein seiner und unserer Zeit, das er mit beispielloser Geduld und einem subtilen, durchdringenden Humor beobachtete.

Das Österreichische Filmmuseum hatte das Privileg, Frederick Wiseman im Februar 2005 nach Wien einzuladen. In einer gemeinsamen Veranstaltung mit Navigator Film und in Kooperation mit dem Verein der Freunde der Filmakademie Wien und der Universität für Musik und darstellende Kunst (Abteilung Film und Fernsehen) zeigte das Filmmuseum sein gesamtes damaliges Schaffen – 35 Filme – und Wiseman präsentierte viele davon persönlich, hielt eine große Lecture über seine dokumentarische Arbeit und leitete einen Workshop an der Filmakademie. Es war eine Begegnung, die jenen, die dabei sein durften, in lebhafter Erinnerung geblieben ist. (Michael Loebenstein, Jurij Meden)

Am 16. März und 19. April 2026 zeigen wir Titicut Follies von Frederick Wiseman im Rahmen unserer Filmreihe "Liebe auf den ersten Blick. Regiedebüts aus der Sammlung".
 
Retrospektive 2005
Fotos 2005