Rainer Werner Fassbinder

Die bitteren Tränen der Petra von Kant, 1972, Rainer Werner Fassbinder
31. August bis 25. Oktober, 2018

"Ich möchte für das Kino das sein, was Shakespeare fürs Theater, Marx für die Politik und Freud für die Psychologie war: Jemand, nach dem nichts mehr so ist wie zuvor." Rainer Werner Fassbinder, 1982
 
Zum Saisonauftakt würdigt das Filmmuseum eine Schlüsselfigur des Kinos: Die kurze, aber fruchtbare Karriere von Rainer Werner Fassbinder (1945–1982) machte ihn zum Motor des "Neuen Deutschen Films" und zum Meteor des internationalen Kinos der 1970er Jahre: Kein anderer unabhängiger Filmemacher weltweit war so produktiv und einflussreich. Über 40 radikal persönliche Spielfilme realisierte Fassbinder, von Liebe ist kälter als der Tod (1969) bis zu Querelle (1982), während er nebenbei seine Theaterkarriere weiterführte: Als Wunderkind und deklarierter Unruhestifter wurde er nach seinem internationalen Durchbruch mit Angst essen Seele auf (1974) zum Inbegriff des bundesdeutschen Kinos, sein rasant expandierendes, daheim bewundertes wie umstrittenes Werk zur umfassenden Kino-Chronik von Geschichte und Gegenwart seines Landes.
 
Fassbinders Selbststilisierung, sein provokantes Auftreten und die Skandale um sein wildes Leben machten ihn schon zu Lebzeiten zur Legende, sein früher Tod besiegelte die Verklärung zum Mythos: Das enfant terrible des BRD-Kinos hatte sich im mit Drogen durchgeputschten Schaffensrausch ausgebrannt, gemäß seinem Diktum: "Schlafen kann ich, wenn ich tot bin." Doch Fassbinders filmische Hinterlassenschaft eignet sich nicht für Einbalsamierung im Kanon: Die universale Kraft, schlagende Originalität und brennende Leidenschaft seines Werks verleihen ihm bleibende Aktualität. In aller Grausamkeit und Zärtlichkeit seiner Einsichten über das menschliche Wesen besteht es auch als utopischer Entwurf, gerade in der homogenisierten Kinolandschaft der Gegenwart: Fassbinders Filme sind radikal subjektiv, und oft kaum verschlüsselt autobiografisch, wenden sich aber an alle – das große Publikum, die ganze Gesellschaft.
 
"Leere Kinos helfen uns nicht weiter", distanzierte sich der schon als Kind vom Kino besessene Regisseur vom elitären Kulturdenken. Obwohl er den Hang zum kühnen Experiment nie ablegte, verstand Fassbinder Film als "publikumswirksame" Volkskunst, die Träume und Gefühle weckte, während sie Intellekt und Bewusstsein schärfte. "Viele Filme machen, damit das Leben zum Film wird", war sein Motto. Durch die Verzahnung von Werk und Privatleben (inklusive der engen Beziehungen zu seinem Ensemble, das Weltstars wie Hanna Schygulla hervorbrachte) überdeckte ein Personenkult sein Schaffen und dessen verblüffende Vielfalt weit hinaus über zurecht kanonisierte Klassiker wie Händler der vier Jahreszeiten (1972) oder Die Ehe der Maria Braun (1978).
 
Fassbinder war über den Umweg der Bühne zur Kinoregie gekommen: Mit seinem Münchner antiteater erregte er Aufsehen und begründete die Truppe von langjährigen Begleitern für seine Ein-Mann-Studio-Dauerproduktion: Peer Raben, Irm Hermann, Kurt Raab, Harry Baer, Hans Hirschmüller, Ingrid Caven oder Margit Carstensen. Das Frühwerk, insbesondere Katzelmacher (1969), demonstriert noch aggressiv den schlichten, klaren Stil, den er bald verfeinerte: lange Einstellungen mit wie hingestellt deklamierenden Akteuren – "die Welt ist zur Bühne geworden" (J. Hoberman). Diese Bühne füllte Fassbinder mit Welthaltigkeit und Ambivalenz: Pointiert porträtierte er den Alltag und die Verzweiflung seiner Figuren als oft beunruhigend komische Trauerspiele der unerwiderten Leidenschaften.
 
Unter dem Einfluss von Douglas Sirks Melodramen wurden seine Filme ab 1971 zugänglicher und erfolgreicher. Wie sein Vorbild übte Fassbinder in der populären Form Kritik am gesellschaftlichen Status quo, der das Leiden seiner Außenseiterfiguren verursachte: Ob Frauen oder Homosexuelle, Kleinbürger oder Randständige – Fassbinders Figuren sind in perversen Macht- und Beziehungsverhältnissen gefangen ("Die Liebe ist das wirksamste Instrument der Unterdrückung"), aber nie bloß willfährige Opfer.
 
Die faszinierende Zwiespältigkeit und Dringlichkeit lässt Fassbinders Filme alterslos erscheinen: eine in ihrer Tiefe und Breite unerreichte comédie humaine der BRD (Wolfram Schütte), die neben gegenwärtigen Interventionen wie In einem Jahr mit 13 Monden (1978) oder der Terrorismus-Satire Die dritte Generation (1979) immer reichere und aufwendigere Streifzüge durch die deutsche Geschichte (und Filmgeschichte) unternahm, mit wachsenden internationalen Expansionsambitionen: Vom Niedergang des Preußentums (Fontane Effi Briest, 1974) über Weimar (Bolwieser, 1977/83) und die Nazizeit (Lili Marleen, 1981) zur bunten Wirtschaftswunder-Komödie (Lola, 1981) legte Fassbinder frei, was sein Land antrieb – und die Menschen an sich. Fassbinder, 1974: "Filme müssen irgendwann einmal aufhören, Filme zu sein, müssen aufhören, Geschichten zu sein, und anfangen, lebendig zu werden, dass man fragt, wie sieht das eigentlich mit mir und meinem Leben aus."
 
Die Retrospektive findet in enger Zusammenarbeit mit der Rainer Werner Fassbinder Foundation statt. Als Gäste werden am 7. bzw. 13. September die Filmemacher Nicolas Wackerbarth und Christian Braad Thomsen erwartet.

Programm: