Tři muži (Drei Männer), 1959, Vladimír Lehký (Foto: Národní filmový archive)
Tři muži (Drei Männer), 1959, Vladimír Lehký (Foto: Národní filmový archive)
Laokoon, 1970, Václav Mergl
Spolu sami (Zusammen allein), 2018, Diana Cam Van Nguyen (Foto: Národní filmový archive)
Zem (Die Erde), 1966, Viktor Kubal (Foto: Národní filmový archive)
Krvavá pani (Die blutige Dame), 1980, Viktor Kubal (Foto: Národní filmový archive)
Jsouc na řece mlynář jeden (Ein Müller einst an einem Fluss ...), 1971, Jiří Brdečka (Foto: Národní filmový archive)
Ruka (Die Hand), 1965, Jiří Trnka
Tramvaj (Tram), 2012, Michaela Pavlátová (Foto: Národní filmový archive)
Pérák a SS (Der Federmann und die SS), 1946, Jiří Trnka (Foto: Národní filmový archive)

Animace / Animácia
100 Jahre tschechoslowakischer, tschechischer und slowakischer Animationsfilm

Auf Grund der Entwicklungen rund um CoVid-19 kann die Schau leider nicht wie geplant von 4. April bis 31. Mai 2020 stattfinden. Wir arbeiten aber an Möglichkeiten, sie Ihnen zu einem späteren Zeitpunkt präsentieren zu können.
 
Der Animationsfilm unserer Länder – der Slowakei, Tschechien und davor der Tschechoslowakei – diente oft als hochgeschätzter Exportartikel und als Tauschware der Kulturdiplomatie. Auf Einladung des Österreichischen Filmmuseums ist es uns ermöglicht worden, einen neuen Zugang zu diesem nationalen Kulturgut vorzuschlagen – und zwar durchaus im Geiste einer Invasion! Durch eine Retrospektive, wie es sie in dieser Größe noch nie gegeben hat, soll die Geschichte des tschechoslowakischen Animationsfilms noch einmal völlig neu erzählt werden, auch wenn wir dem etablierten Kanon den gebührenden Respekt erweisen.
 
Wie der Doppeltitel unseres Programms – das Wort "Animation" auf Tschechisch und Slowakisch – nahelegt, bleibt die Frage nach der Nationalität und Staatszugehörigkeit eine wichtige Rahmenbedingung für die Filmauswahl. Wiewohl zumeist tschechischen Ursprungs (und in dieser Sprache), sind die bekanntesten Titel der Animationsproduktion unserer Länder in der Tschechoslowakei produziert worden. Die Bedeutung des Produktionslands für unsere Auswahl ist dabei nicht nur theoretischer und ideologischer Natur: Wir berücksichtigen auch jene Trickfilmkünstler*innen, die üblicherweise als rein slowakisches Phänomen abgehandelt werden, ebenso wie die historischen und kontemporären internationalen Querverbindungen der Animation in der (ehemaligen) Tschechoslowakei.
 
Eine weitere Herausforderung bei der Zusammenstellung war natürlich die Definition von Animation an sich. Auf den ersten Blick scheint sie offensichtlich, aber gleichzeitig ist sie umstritten. Denn würde man Animation rein technisch, als eine Herstellungsform, definieren, dann müsste man über kurz oder lang zu dem Schluss kommen, das jegliche Art von Film eigentlich animiert ist – was tatsächlich stimmen mag: Denn geht es im Kino nicht letztlich darum, Einzelbilder in Bewegung zu versetzen? Zugleich wird Animation zumeist als Meta-Genre gesehen: als eine der Sonderformen des Kinos mit eigener Infrastruktur sowie eigenen Produktions- und Verleihmethoden. Mit diesem Zwiespalt im Kopf bewegt man sich zumeist in einem Feld, das vor allem durch bestimmte Erwartungen und Vorurteile geprägt ist.
 
Um produktiv mit diesen Vorurteilen umzugehen und greifbar zu machen, was Animation eigentlich ist, haben wir uns entschlossen, eine Vielfalt von Präsentationsformen anzubieten: von abendfüllenden Filmen und monografischen Programmen, die sich ausgewählten Künstler*innen widmen, über Kurzfilm-Zusammenstellungen bis hin zu Live-Auftritten und illustrierten Vorträgen. Darüber hinaus haben wir fünf thematische Kategorien gebildet, um dem Publikum einen Weg durch die verschiedenen Aspekte des Programms zu bahnen.
 
Die erste Kategorie heißt Folklore & Science-Fiction & Legenden [A] und besteht aus Filmen, die sich auf die nationale Mythologie und die kollektiven Traumwelten der (ehemaligen) Tschechoslowakei beziehen. Die zweite konzentriert sich auf Animationstechniken unter besonderer Berücksichtigung von Puppentrickfilmen und heißt daher Puppe(n) [B]. Mit der Kategorie Politik [E] liefern wir einen Kommentar zur künstlerischen Freiheit, ihrer Unterdrückung und den daraus resultierenden Traumata. Unter dem Begriff (Un)Wirklichkeit [D] werden Werke versammelt, in denen die Möglichkeiten des Allegorischen ausgeschöpft werden. Abgeschlossen wird die Auswahl durch eine "Laboruntersuchung" zum Medium selbst und seinen surrealen Bestrebungen – willkommen im Anima(Lab) [C].
 
Ein weiteres Strukturierungsprinzip dieser Filmschau muss noch erwähnt werden: Um die historische Entwicklung des tschechoslowakischen Animationsfilms noch einmal neu aufzurollen, war es unser Bestreben, eine schlüssige Kombination von kanonischen Werken und (vermeintlichen) Randerscheinungen sowie von Klassik und Gegenwartskunst zu finden. Indem wir auf einen chronologischen Zugang verzichten und nicht nur die Werke von Filmprofis berücksichtigen, sondern auch von Amateur*innen und bildenden Künstler*innen, die angelegentlich mit Laufbildern arbeite(te)n, hoffen wir, neue Verbindungslinien sichtbar zu machen, was Einfluss, Erbe und Tradition des nationalen Animationsfilms betrifft. Für eine Institution zur Bewahrung des Filmerbes wie das Národní filmový archiv in Prag ist dies nicht nur eine produktive Methode, um sinnvoll mit unserer Sammlung zu arbeiten, sondern eine Notwendigkeit, um das Erbe lebendig zu machen – eben: animiert. (Eliška Děcká, Martin Mazanec, Matěj Strnad für das Národní filmový archiv)
 
Die Retrospektive findet mit Unterstützung des Tschechischen Zentrums Wien, der Botschaft der Tschechischen Republik in Wien, des Slowakischen Instituts in Wien und der Botschaft der Slowakischen Republik in Wien statt. Sie wurde in Zusammenarbeit mit dem Slovak Film Institute gestaltet, das gemeinsam mit dem Národní filmový archiv (NFA) so gut wie alle Filmkopien dieser Schau zur Verfügung stellt.
 
Besonderer Dank der drei Hauptkurator*innen gilt zudem den folgenden Expert*innen für ihre unschätzbare Hilfe: Eva Šošková, Lea Pagáčová, Martin Kaňuch, Saša Gabriziová, Michaela Mertová, Pavel Horáček.
 
Die meisten Kurzfilme dieser Retrospektive sind ohne Dialog. In den Ausnahmefällen, wo (englische oder deutsche) Untertitel nötig sind, wird es bei den einzelnen Programmen ausgewiesen.

Programm: