Rakhshan Banietemad am Set von Ghesse-ha (Tales, 2014)
Rusari Abi (The Blue Veiled), 1994, Rakhshan Banietemad
Banoo-Ye Ordibehesht (The May Lady), 1998, Rakhshan Banietemad
Nargess, 1991, Rakhshan Banietemad
Khoon bazi (Mainline), 2006, Rakhshan Banietemad, Mohsen Abdolvahab
Gilaneh, 2005, Rakhshan Banietemad, Mohsen Abdolvahab

Unverschleiert
Die Filme von Rakhshan Banietemad

27. Jänner bis 28. Februar 2022 

Rakhshan Banietemad (*1954) wird in der Regel als "eine der bedeutendsten internationalen Regisseurinnen" oder als "First Lady des iranischen Kinos" abgetan. Eine Retrospektive einer renommierten US-amerikanischen Institution stellte sie kürzlich als "Inbegriff" eines progressiven Trends des iranischen Kinos vor, als eine von "erstaunlich vielen Regisseurinnen".
 
All das mag stimmen, aber nur, wenn wir eine Reihe von ideologischen Vorurteilen akzeptieren und dabei einen wichtigen Umstand ignorieren: Rakhshan Banietemad ist eine der bedeutendsten Erforscherinnen sozialer Themen im Kino und eine der subversivsten Filmkünstlerinnen.
 
Banietemad studierte Film und begann ihre berufliche Laufbahn 1979 kurz nach der iranischen Revolution, als sie für das iranische Staatsfernsehen arbeitete. Das Leben nach einer Revolution sollte idyllisch wirken, und so sagt es etwas über den Mut der jungen Banietemad aus, dass sich ihre ersten Dokumentarfilme bereits auf die sozialen und wirtschaftlichen Ungerechtigkeiten der damaligen Zeit konzentrierten. Nach drei frühen kommerziellen Spielfilmen, die sich sozialen Themen aus einem satirischen Blickwinkel näherten, fand Banietemad mit Nargess (1991) eine starke persönliche Stimme. Nargess ist ein düsteres, beißendes soziales Melodram, das auf Anhieb zum nationalen und internationalen Klassiker avancierte und als erster Teil einer sogenannten Stadt-Trilogie gesehen werden kann, die die Regisseurin später mit Banoo-Ye Ordibehesht (1998) und Zir-e poost-e shahr (2000) weitergeführt hat. Seit Nargess untersuchen Banietemads Spielfilme die Abweichungen der postrevolutionären iranischen Gesellschaft mit einem durchdringenden Blick und mit besonderem Interesse für die prekäre Rolle von Frauen und ihre Kämpfe in einem dezidiert patriarchalischen Umfeld.
 
Es ist kaum möglich, über einige Filmlandschaften nachzudenken, ohne sich auf ihre prägenden Merkmale zu berufen. Das iranische Kino ist eine Filmkultur, die Mitte der neunziger Jahre international für Furore sorgte und mit einem bestimmten "Stil" assoziiert wurde, der allen damals "entdeckten" Filmschaffenden gemeinsam zu sein schien. Schlüsselelemente dieses Stils: lange Einstellungen (die die Aufmerksamkeit auf sich selbst lenken), nicht-professionelle Schauspieler*innen (die alle in ihren Rollen über sich selbst hinauswachsen), atemberaubende ländliche Umgebungen (die oft als Metapher verwendet werden), Vermischung von Fiktionalem und Dokumentarischem (um nach einer "höheren" Wahrheit zu streben), unerschütterlicher Humanismus als vorherrschende Weltanschauung (die bis zum erhabenen Extrem getrieben wird) und universelle Geschichten (die lehren, wie man ein gutes Leben führt).
 
Mit ihren Spielfilmen passte Banietemad nie wirklich in diese Kategorien. Ihre Geschichten spielen in einer rauen städtischen Umgebung und behandeln ganz praktische Probleme auf eine sehr pragmatische Weise. Die Schauplätze waren genau definiert und definierten wiederum die Figuren, die dort wohnten. Ihre Herangehensweise, die auf einem düsteren sozialen Realismus basiert, war schamlos emotional, aber niemals sentimental. Sie sprach offen über Dinge, die ihre männlichen Kollegen nie erwähnten: Krieg, Klassenspaltung, häusliche Gewalt, Drogenabhängigkeit, Kleinkriminalität, Religion und die Unterdrückung der Frauen. Wenn ihre Filme provozieren wollten, nannten sie die Dinge beim Namen. Wenn sie poetisch sein wollten, rezitierten sie ganz offen Poesie. Vielleicht liebt Banietemad ihre Figuren einfach, ungeachtet ihrer Fehler oder vielleicht gerade dafür. Ihre Figuren leben auch nach dem Abspann weiter, um in ihrem nächsten Film wieder aufzutauchen. Nach ihrem Stil gefragt, antwortete sie: "Ich denke, Kino ist Kino. Meine Definition von Kino basiert auf meinen Überzeugungen und Gedanken. Die Geschichte und das Thema des Films bestimmen sowohl die Struktur und die Machart als auch die Besetzung."
 
In den letzten fünfzehn Jahren wurde der Dokumentarfilm wieder zu Rakhshan Banietemads wichtigstem Ausdrucksmittel, und auch diese Arbeiten nehmen wieder die gesellschaftlichen Widersprüche in den Blick. Manchmal erhaben, manchmal einfach notwendig, messen diese Filme den Herzschlag einer äußerst komplexen Gesellschaft und verhandeln so unterschiedliche – und wichtige – Themen wie politische Reformen, öffentliche Unruhen, Wahlen, Bildung und Umwelt. Rakhshan Banietemad zeigt uns ein Gesicht der modernen iranischen Gesellschaft, das viele lieber verschleiert lassen würden. (Jurij Meden, Tara Najd Ahmadi)
 
Die Rücksprache mit der Regisseurin hat ergeben, dass keiner der von ihr auf 35mm gedrehten Filme als 35mm-Kopie verfügbar ist, daher werden auch diese Werke von Rakhshan Banietemad in digitalen Versionen gezeigt.

Leider muss Rakhshan Banietemad ihren Besuch aus gesundheitlichen Gründen absagen.