Szép lányok, ne sírjatok! (Schöne Mädchen, weinet nicht) 1970, Márta Mészáros (Foto: National Film Institute – Film Archive Hungary)
Olyan, mint otthon (Ganz wie zu Hause), 1978, Márta Mészáros (Foto: National Film Institute – Film Archive Hungary)
Eltávozott nap (Das Mädchen) 1968, Márta Mészáros (Foto: National Film Institute – Film Archive Hungary)
Örökség (Erbinnen), 1980, Márta Mészáros (Foto: National Film Institute – Film Archive Hungary)
Szabad lélegzet (Freier Atem), 1973, Márta Mészáros (Foto: National Film Institute – Film Archive Hungary)
Holdudvar (Gewitterwolken) 1969, Márta Mészáros (Foto: National Film Institute – Film Archive Hungary)

Márta Mészáros

8. September bis 19. Oktober 2022

Márta Mészáros ist zweifelsohne die bedeutendste Regisseurin der ungarischen Filmgeschichte. In ihrer fast siebzig Jahre dauernden Karriere – sie begann Mitte der 1950er Jahre mit Dokumentarfilmen und drehte ihren bislang letzten Film 2017 – entstanden zwei Dutzend Langspielfilme. Die zweitproduktivste ungarische Regisseurin, Lívia Gyarmathy, die derselben Generation wie Mészáros angehörte, konnte vergleichsweise weniger als ein Dutzend Filme realisieren.
 
Ihren ersten Spielfilm drehte Mészáros 1968 mit Eltávozott nap (Das Mädchen), der oft fälschlicherweise als erster ungarischer Spielfilm unter weiblicher Regie bezeichnet wird (obwohl bereits in den 1930er und 40er Jahren zwei Spielfilme von Frauen in Ungarn gedreht wurden). Dennoch ist Mészáros' Spielfilmdebüt ein Meilenstein des weiblichen ungarischen Filmschaffens der Nachkriegszeit und bildet den Auftakt einer ersten Welle ungarischer Regisseurinnen (Lívia Gyarmathy und Judit Elek sollten 1969 ihre ersten Langfilme realisieren).
 
Von Beginn an rückte Mészáros starke Frauenfiguren in den Mittelpunkt ihrer Arbeiten; Frauen, die gegen alle Widerstände zu kämpfen bereit sind. Während sie sich zu Beginn noch auf die Erfahrungen von Frauenfiguren konzentrierte, wandte sie sich später zunehmend der wechselvollen Geschichte Osteuropas zu – ein zeithistorisches Interesse, das unmittelbar mit der eigenen Familiengeschichte zusammenhängt.
 
Márta Mészáros wurde 1931 in Budapest geboren, verbrachte die frühe Kindheit aber im sowjetischen Kirgisistan, wohin ihre kommunistischen Eltern emigrierten, als sie fünf Jahre alt war. Mészáros wurde zur Waise, als ihr Vater, ein Bildhauer, während Stalins "Großer Säuberung" 1938 verhaftet wurde und verschwand, wenig später verstarb auch ihre Mutter.
 
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs sorgte ihre Pflegemutter, eine überzeugte Kommunistin, dafür, dass sie nach Budapest zurückkehren und das Gymnasium abschließen konnte. Nach einem erfolglosen Versuch, an der Budapester Filmhochschule Regie zu studieren, gelang es ihr, ein Stipendium zu erhalten und sich einen Platz an der berühmten Moskauer Filmhochschule (VGIK) zu sichern. 1958 kehrte Mészáros endgültig nach Ungarn zurück und begann ihre Ausbildung in einem Dokumentarfilmstudio, wo sie Dokumentationen und Lehrfilme drehte. In ihrer autobiografischen Tagebuch-Trilogie (1984–1990) sollte sie später diese prägenden Erfahrungen der unmittelbaren Nachkriegsjahre dramatisieren. Obwohl sie bereits 1963 mit der Arbeit an dieser autobiografischen Erzählreihe begann, sollte es zwei Jahrzehnte dauern, bis sie den ersten Teil der Trilogie, der den Ungarischen Volksaufstand von 1956 offen thematisiert und das sowjetische System kritisiert, realisieren konnte. Doch bereits vor der Tagebuch-Trilogie verarbeitete Mészáros wiederholt ihre persönlichen Erfahrungen, wenn sie etwa über junge, elternlose Frauen erzählt, die einen Kampf gegen die gesellschaftlichen Erwartungen und patriarchalischen Verhältnisse führen.
 
Die im Rahmen dieser Retrospektive zu sehenden Arbeiten stammen, abgesehen von der Tagebuch-Trilogie, aus der frühen Schaffensperiode ihrer Filmkarriere, den späten 1960er und 70er Jahren. Sie sind geprägt von außergewöhnlichen Frauenfiguren, deretwegen Mészáros bis heute als feministische Filmemacherin bezeichnet wird. Doch feministisch gilt bis heute im zutiefst patriarchalischen Ungarn als nachteilige Bezeichnung – kein Wunder, dass sich Filmemacherinnen nach wie vor oft von diesem Begriff distanzieren. Auch Mészáros zögerte lange, diese Bezeichnung zu akzeptieren. Dennoch fällt es nicht schwer, die meisten ihrer in den 1970er Jahren entstandenen Filme als Beleg für den Feminismus der "Zweiten Welle" zu erkennen: "Das Persönliche ist politisch". In diesen frühen Arbeiten spricht sie nie direkt über Politik, aber Mészáros übt durch den persönlichen Kampf ihrer weiblichen Figuren scharfe Gesellschaftskritik und stellt offen das System in Frage, das ihre Figuren kontrolliert.
 
Eine der wichtigsten Errungenschaften von Mészáros' Filmen der 1970er Jahre ist das neue Gesicht, das ihre der Arbeiterklasse entstammenden Heldinnen bekommen: Sie entsprechen nicht länger den ideologischen, schematischen Held*innenfiguren des sozialistischen Realismus sowjetischer Prägung, die das ungarische Kino der 1950er Jahre bevölkerten. Mészáros' Heldinnen sind individuell und selbstbewusst. Dadurch gelang ihr, nicht zuletzt auch aufgrund ihres dokumentarischen Stils, ein im ungarischen Kino bis dahin neuer, realistischer Blick auf die Welt.
 
Mészáros' Frauenfiguren zeichnen sich durch Intuition, nicht durch Reflexion aus – Mészáros interessiert sich nicht für die psychologische Entwicklung, sondern für die Psychologie des Charakters. Ihre Heldinnen verändern sich nicht als Reaktion auf die Umstände, sondern sie fordern ihre Umgebung heraus, arbeiten sich an ihr ab – auch wenn ihre Rebellion nicht immer zum Erfolg führt.
 
Mészáros' Filme waren in Ungarn stets umstritten. Von Beginn an stießen ihre Arbeiten oft auf negative Reaktionen: Entweder missfielen sie der offiziellen Kritik, weil sie nicht sozialistisch genug waren, oder weil Mészáros in Westeuropa als feministische Regisseurin gefeiert wurde. Selbst nach dem Gewinn des Goldenen Bären für Örökbefogadás (Adoption) 1975 kritisierte die ungarische Presse scharf, dass das Bild, das der Film vom sozialistischen Ungarn zeichne, völlig falsch sei. Die eigentliche Wertschätzung in ihrer Heimat sollte Mészáros erst mit der Tagebuch-Trilogie erhalten.
 
Über Jahrzehnte hinweg ist Mészáros eine wichtige Verfechterin von Frauenthemen geblieben. Auch ihr jüngster Film, Aurora Borealis – Északi fény (Aurora Borealis: Nordlicht, 2017), stellt dies eindrücklich unter Beweis. Es ist einer der wenigen Spielfilme, der die sexuelle Gewalt der russischen Armee gegen ungarische Frauen während und nach dem Zweiten Weltkrieg dramatisiert. Márta Mészáros ist und bleibt das weibliche filmische Gewissen Ungarns. (Teréz Vincze)
 
Alle Kopien und Fotos dieser Retrospektive stammen aus der Sammlung des National Film Institute – Film Archive Hungary
Innerhalb der Schau sind die Filme in der Reihenfolge ihrer Programmierung angeordnet.
Filmdauer: 80 min
Do, 08.09.2022 20:30
Freier Eintritt für Fördernde Mitglieder
So, 02.10.2022 18:00
Filmdauer: 83 min
Fr, 09.09.2022 18:00
Freier Eintritt für Fördernde Mitglieder
Mo, 03.10.2022 20:30
Filmdauer: 85 min
Sa, 10.09.2022 18:00
Mi, 05.10.2022 20:30
Filmdauer: 81 min
Mo, 12.09.2022 18:00
Do, 06.10.2022 18:00
Filmdauer: 83 min
Mi, 14.09.2022 18:00
Fr, 07.10.2022 20:30
Filmdauer: 90 min
Fr, 16.09.2022 18:00
Sa, 08.10.2022 18:00
Filmdauer: 92 min
Sa, 17.09.2022 18:00
Mo, 10.10.2022 20:30
Filmdauer: 108 min
Mo, 19.09.2022 18:00
Mo, 17.10.2022 18:00
Filmdauer: 105 min
Do, 22.09.2022 18:00
Mi, 19.10.2022 18:00
Filmdauer: 103 min
Fr, 23.09.2022 18:00
Do, 13.10.2022 18:00
Filmdauer: 141 min
Sa, 24.09.2022 20:30
Fr, 14.10.2022 20:30
Filmdauer: 110 min
So, 25.09.2022 20:30
Sa, 15.10.2022 18:00