News
Do, 26. März 2026
Alexander Kluge, 1932 – 2026
Mit tiefer Bestürzung und Trauer haben wir von Alexander Kluges Tod am 25. März 2026 erfahren. Er wird uns als intellektueller Gigant und weltweiter Kulturschatz in Erinnerung bleiben; als Medienwissenschaftler, dessen philosophische Einsichten nur von seinem Gespür für Poesie übertroffen werden; als Pate des Neuen Deutschen Films, dessen nahezu jede Geste als klarer ethischer und moralischer Wegweiser in der trüben Landschaft der Kunst und Politik des 20. und 21. Jahrhunderts diente (und weiterhin dient).
Wir möchten ihn als Inbegriff der Großzügigkeit in Erinnerung behalten.
Er hat uns maßgeblich bei der Vorbereitung seiner jüngsten Retrospektive im Februar 2026 im Österreichischen Filmmuseum unterstützt. Er entwickelte Programme, schlug bislang unvorstellbare Kombinationen und kühne Gegenüberstellungen vor; er schuf eine Reihe brandneuer Werke und gewährte uns das Privileg von mehr als einer einzigen Weltpremiere; schließlich fertigte er sogar eigenhändig einen einzigartigen, reich bebilderten 125-seitigen Katalog an, Phönix Cinema in Wien – kein Supplement des Filmischen, sondern eine Art Parallelkino – eine Montage der Ideen, angetrieben von Neugierde und von Alexander Kluges Überzeugung, dass "Kino" ein Konzept ständiger Veränderung sei. Obwohl er bereits bei schwacher Gesundheit war, entschied er sich, entgegen seiner ursprünglichen Absicht, zu Hause zu bleiben, uns am 4. Februar mit einem unerwarteten persönlichen Besuch zu beehren. Anschließend nahm er an einer denkwürdigen Zoom-Konferenz teil, die an seinem letzten Geburtstag, dem 14. Februar, stattfand. Nachdem die Retrospektive zu Ende war, überraschte er uns mit dem freundlichen Angebot, den gesamten digital entstandenen Teil der gezeigten Filme unserer Sammlung zu schenken. Er gewährte uns damit das Privileg, seine vorwiegend späteren Werke, auf die er enorm stolz war, in Zukunft erforschen und ausstellen zu können.
"Ein Museum ist kein Verwahrungsort für Vergangenes, sondern eine aktive Werkstatt," sagt Alexander Kluge in seinem Katalog. Es war in den vergangenen acht Jahren als Direktor des Filmmuseums immer mein Ziel, dieses als eine solche "Werkstatt" zu etablieren. Ein Ort, an dem keine verbürgten, ewigen Wahrheiten gelten (obwohl oder gerade, weil der Begriff der Wahrheit aktuell im Zentrum von Krisen und Kulturkämpfen steht), an dem Fragen ausgestellt und dem Gespräch Platz eingeräumt wird: zwischen den Kunstformen, zwischen Bildern, zwischen Menschen und nicht-menschlichen Akteur*innen.
Wir werden Alexander Kluge als Inbegriff der Neugier in Erinnerung behalten. Eine Neugier der seltensten Art – jene, die sowohl als Motor des wissenschaftlichen Fortschritts als auch der gesellschaftlichen Harmonie dient.
Michael Loebenstein
English version
We choose to remember him as an embodiment of generosity.
He was instrumental in helping us prepare his retrospective in February 2026 at the Austrian Film Museum. He invented programs, suggesting previously unheard-of combinations and wildest juxtapositions; he created a series of brand-new works, granting us the privilege of more than a single world premiere; he ultimately even handcrafted a unique, richly illustrated 125-page catalog, Phoenix Cinema in Vienna – not a supplement to cinema, but a kind of "parallel cinema" – a montage of ideas, driven by curiosity and by Alexander Kluge's conviction that "cinema" is a concept in constant flux. Already in frail health, Kluge chose to act against his initial decision to stay at home and graced us first with an unexpected personal visit on February 4, and then by participating in a memorable Zoom conference that unfolded on what became his final birthday, on February 14. And after the retrospective was over, he surprised us with a kind offer to donate the entire digital-born segment of the retrospective films to our collection, thus granting us the privilege of easy future research and exhibition of his mostly later works that he was enormously proud of.
"A museum is not a repository for the past, but an active worksite (aktive Werkstatt)," Alexander Kluge says in his catalog. Over the past eight years, it has always been my goal as director of the Film Museum to establish it as such a "worksite." A place where no fixed, eternal truths apply (even though – or precisely because – the concept of truth is currently at the center of crises and cultural struggles), where questions are put on display and space is made for conversation: between art forms, between images, between humans and non-human actors.
We choose to remember Alexander Kluge as an embodiment of curiosity. Curiosity of the rarest kind; the kind that serves as both engine of scientific progress and societal harmony.
Michael Loebenstein
Wir möchten ihn als Inbegriff der Großzügigkeit in Erinnerung behalten.
Er hat uns maßgeblich bei der Vorbereitung seiner jüngsten Retrospektive im Februar 2026 im Österreichischen Filmmuseum unterstützt. Er entwickelte Programme, schlug bislang unvorstellbare Kombinationen und kühne Gegenüberstellungen vor; er schuf eine Reihe brandneuer Werke und gewährte uns das Privileg von mehr als einer einzigen Weltpremiere; schließlich fertigte er sogar eigenhändig einen einzigartigen, reich bebilderten 125-seitigen Katalog an, Phönix Cinema in Wien – kein Supplement des Filmischen, sondern eine Art Parallelkino – eine Montage der Ideen, angetrieben von Neugierde und von Alexander Kluges Überzeugung, dass "Kino" ein Konzept ständiger Veränderung sei. Obwohl er bereits bei schwacher Gesundheit war, entschied er sich, entgegen seiner ursprünglichen Absicht, zu Hause zu bleiben, uns am 4. Februar mit einem unerwarteten persönlichen Besuch zu beehren. Anschließend nahm er an einer denkwürdigen Zoom-Konferenz teil, die an seinem letzten Geburtstag, dem 14. Februar, stattfand. Nachdem die Retrospektive zu Ende war, überraschte er uns mit dem freundlichen Angebot, den gesamten digital entstandenen Teil der gezeigten Filme unserer Sammlung zu schenken. Er gewährte uns damit das Privileg, seine vorwiegend späteren Werke, auf die er enorm stolz war, in Zukunft erforschen und ausstellen zu können.
"Ein Museum ist kein Verwahrungsort für Vergangenes, sondern eine aktive Werkstatt," sagt Alexander Kluge in seinem Katalog. Es war in den vergangenen acht Jahren als Direktor des Filmmuseums immer mein Ziel, dieses als eine solche "Werkstatt" zu etablieren. Ein Ort, an dem keine verbürgten, ewigen Wahrheiten gelten (obwohl oder gerade, weil der Begriff der Wahrheit aktuell im Zentrum von Krisen und Kulturkämpfen steht), an dem Fragen ausgestellt und dem Gespräch Platz eingeräumt wird: zwischen den Kunstformen, zwischen Bildern, zwischen Menschen und nicht-menschlichen Akteur*innen.
Wir werden Alexander Kluge als Inbegriff der Neugier in Erinnerung behalten. Eine Neugier der seltensten Art – jene, die sowohl als Motor des wissenschaftlichen Fortschritts als auch der gesellschaftlichen Harmonie dient.
Michael Loebenstein
English version
Alexander Kluge, 1932 – 2026
It is with profound shock and sadness that we learned of Alexander Kluge's passing on March 25, 2026. He will be remembered as an intellectual giant and a global cultural treasure; a media scientist whose philosophical insights can only be matched by his flair for poetry; godfather of New German Cinema whose nearly every gesture served (and continues to serve) as a clear ethical and moral signpost in the muddy landscape of the 20th and 21st century art and politics.We choose to remember him as an embodiment of generosity.
He was instrumental in helping us prepare his retrospective in February 2026 at the Austrian Film Museum. He invented programs, suggesting previously unheard-of combinations and wildest juxtapositions; he created a series of brand-new works, granting us the privilege of more than a single world premiere; he ultimately even handcrafted a unique, richly illustrated 125-page catalog, Phoenix Cinema in Vienna – not a supplement to cinema, but a kind of "parallel cinema" – a montage of ideas, driven by curiosity and by Alexander Kluge's conviction that "cinema" is a concept in constant flux. Already in frail health, Kluge chose to act against his initial decision to stay at home and graced us first with an unexpected personal visit on February 4, and then by participating in a memorable Zoom conference that unfolded on what became his final birthday, on February 14. And after the retrospective was over, he surprised us with a kind offer to donate the entire digital-born segment of the retrospective films to our collection, thus granting us the privilege of easy future research and exhibition of his mostly later works that he was enormously proud of.
"A museum is not a repository for the past, but an active worksite (aktive Werkstatt)," Alexander Kluge says in his catalog. Over the past eight years, it has always been my goal as director of the Film Museum to establish it as such a "worksite." A place where no fixed, eternal truths apply (even though – or precisely because – the concept of truth is currently at the center of crises and cultural struggles), where questions are put on display and space is made for conversation: between art forms, between images, between humans and non-human actors.
We choose to remember Alexander Kluge as an embodiment of curiosity. Curiosity of the rarest kind; the kind that serves as both engine of scientific progress and societal harmony.
Michael Loebenstein