WR - Mysterien des Organismus, 1971, Dusan Makavejev

Kino wider die Tabus
Film und die "Sexuelle Befreiung", 1963–1976

14. März bis 6. April 2008

 

Die Schau "Kino wider die Tabus" betrachtet die Zeit um 1968 durch ein spezielles Prisma: die filmische Darstellung sexueller Handlungen. Der Titel ist eine Hommage an Amos Vogels berühmtes Buch Film as a Subversive Art (1974), dessen deutsche Erstausgabe Kino wider die Tabus hieß. Das Originalcover war geschmückt mit einem Bild aus Dušan Makavejevs "Skandalfilm" über den Psychoanalytiker und Sexualforscher Wilhelm Reich: WR  Mysterien des Organismus (1971). Reichs sexualpolitische Arbeiten hatten (vor allem in Europa) theoretische Grundlagen für die "sexuelle Revolution" geliefert – ein Zusammenhang, der zur Zeit, zwischen Reichs 50. Todestag und dem 40. Jahrestag des Mai ’68 wieder öfter beschworen wird.
 
Der Österreicher Amos Vogel, der so wie Reich 1939 in die USA emigrierte, vertritt in seinem Buch einen sehr offenen Ansatz. Das weite Spektrum der filmischen Tabubrüche, die er beschreibt, erfasst auch sämtliche Gattungen – Underground-, Dokumentar- und Propagandafilm ebenso wie Kunstkino oder Pornografie. Die Schau nimmt sich daran ein Beispiel: In der Auswahl von rund 40 Werken sind alle "Schichten" des Kinos repräsentiert, von Klassikern der Avantgarde über den Autorenfilm – Bertolucci, Ōshima, Pasolini, Makavejev, Ken Russell – bis zum Sexploitation-Kino aus Japan, Frankreich und den USA. Dahinter steht die Skepsis gegenüber allzu klaren – ideologischen, moralischen, "geschmacklichen" – Grenzziehungen: So wie der soziale Wandel im Umgang mit Sex ist auch die Explosion der betreffenden Filme in den 1960er und 70er Jahren eine überaus vieldeutige Angelegenheit.
 
Die relativ rasche Durchsetzung expliziter Sexualität als Teil der Alltagskultur bzw. ganz allgemein als "diskursfähiger" Materie bis tief in die Mittelklasse hinein verdankt sich einer doppelten Umwertung, die lange vor 1968 beginnt: Sex wird zur Ware und Sex wird zum "Problem". Vor dem Hintergrund der wirtschaftlichen Prosperität in der Nachkriegsära und der Modernisierung sozialer Kontrolltechniken stellt sich die vielbeschworene "Befreiung" somit eher als eine sukzessive "Vermarktung" und "Politisierung" der Sexualität dar. Sex wird sichtbar und besprechbar als eine Frage von Macht, Wissen, Lust und Konsum.
 
Die Rolle der zahlreichen Justizverfahren rund um obszöne Schriften und Bilder kann dabei (vor allem in den USA) kaum überschätzt werden. Die Kämpfe, die Verleger "sittenwidriger" Literatur zwischen 1955 und 1965 ausfochten, ereilten bald auch die Filmkultur. So gilt etwa die juristische und mediale Aufregung um den US-Import des schwedischen Films Jag är nyfiken  Gul (I Am Curious  Yellow) (1967) als Markstein für die rapide Ausweitung der Freiheiten, die sich das Kino nach 1968 nehmen würde.
 
Im "Undergroundkunstfilm" hatte das Spiel mit der Sex-Polizei schon früher begonnen: Die Popularität dieses Sektors in den 60er Jahren ist nicht zu trennen von der Tatsache, dass hier in bisher ungekanntem Ausmaß sexuelles Geschehen in öffentlichen Filmvorführungen dargeboten wurde. 1963, im annus mirabilis des US-Underground, entstanden drei Hauptwerke, die nicht nur explizit waren, sondern auch jenseits der heterosexuellen Norm lagen: Kenneth Angers Scorpio Rising, Jacks Smiths Flaming Creatures (Jonas Mekas ging als Organisator einer Vorführung ins Gefängnis) und Christmas on Earth, der legendäre "Orgienfilm" der 18jährigen Barbara Rubin.
 
Zur selben Zeit drehte Kurt Kren die ersten Filme des Wiener ­Aktionismus. Seine formale Intensität und unverblümte Sujetwahl beeinflussten eine ganze Generation europäischer Filmemacher, die sich bald auch um feministische Positionen erweiterte. Als Pendant zu den "Sexfilmen" der US-Avantgarde – von Carolee Schneemann, George Kuchar, Stan Brakhage oder Anne Severson – zeigt die Schau zahlreiche Beispiele aus Europa, von Frans Zwartjes, ­Stephen Dwoskin, Hellmuth Costard, Jean-Pierre Bouyxou, Werner Nekes & Dore O., Roland Lethem oder VALIE EXPORT.
 
Die Grenzen zwischen dieser unabhängigen Filmkultur und den Vertretern eines kommerziell motivierten Sexploitation-Kinos waren Ende der 60er Jahre relativ durchlässig (das beste Beispiel dafür ist die Werk- und Rezeptionsgeschichte von Andy Warhol und Paul Morrissey). Aus Sicht des Zensors, der bürgerlichen Presse und des neugierigen (oder empörten) Publikums trieben beide Fraktionen, bei allen Unterschieden in der Ästhetik, dieselbe moralisch-kulturelle Auflösung voran. Das Selbstbild vieler "Schmuddelkinder" des B-Sexfilms war ebenso durchlässig: Regisseure wie Wakamatsu Kōji, Joe Sarno, Radley Metzger oder José Bénazéraf verstanden sich als Alliierte der künstlerischen und/oder politischen Avant­garden ihrer Zeit.
 
Zwei Schwellenfilme aus dem Jahr 1970 vermitteln die kurz­lebige "Giftmischung" zwischen den Gattungen besonders gut. Mona, the Virgin Nymph, das Pionierwerk des modernen Hard­core-Kinos in den USA, ist – im Gegensatz zu den berühmteren Pornos ab 1972 wie Deep Throat – noch affiziert vom trockenen Humor, der existenziellen Traurigkeit und dem "dokumentarischen" Gestus, der viele Underground- und Sexploitation-Filme der 60er Jahre auszeichnete.
 
The Lickerish Quartet wiederum nimmt mit seinem ­mediterran-kultivierten Ambiente und seiner durchdringenden Selbstreflexivität den europäischen Kunstfilm als zusätzliche Referenzgröße auf. Auf letzterem Terrain wurden in der Folge auch die auffälligsten medialen Schlachten zum Thema "Sex im Kino" ­geschlagen – mit Beigaben von Blasphemie (The Devils) oder ­Holly­wood-Superstardom (Ultimo tango a Parigi) und einer immer radika­leren Infragestellung des bald schon omnipräsenten Konsumguts "sexuelle Freiheit".
 
Mit Thierry Zénos Vase de noces (1974), Ōshimas Ai no corrida (1976) und Pasolinis Salò (1975) erreicht diese Radikalität ihren Höhepunkt: Sie bringen das Entgrenzende der Sexualität mit Transzendenz und Verzweiflung, Todestrieb und Vernichtung zusammen – und reißen damit Abgründe auf, die auch ein permissiver Gesellschaftsvertrag nicht ohne weiteres annehmen kann. Gemessen an der moralischen Unbedingtheit und Ernsthaftigkeit dieser Filme ­erscheinen die normiert pornografischen Bildwelten und Kon­ventionen der Gegenwartskultur manchmal wie das paradoxe Pendant zum repressiven, properen Panzer der viktorianischen Ära. Wilhelm Reich, Amos Vogel und Dusan Makavejev könnten wieder von ­vorne beginnen.
 
Mit Dank an Olaf Möller, Nicole Brenez und Bernd Brehmer.

 
An zwei Freitag-Abenden werden "Double Features" gezeigt. Am 30. März präsentiert der Filmkritiker Hans Schifferle anhand seltener Beispiele eine kleine Parallelgeschichte der Pornografie zwischen Ende der 50er und Mitte der 70er Jahre: Strip-, Stag- und andere Schmalfilme, die jenseits des Kinos vertrieben wurden.