Die Geschichte von LGBTIQ* in und um Österreich wird – bedingt durch die tiefgreifende und jahrzehntelange staatliche Verfolgung und gesellschaftliche Ächtung – häufig aus der Perspektive gesetzlicher und rechtlicher Rahmenbedingungen erzählt: Als eine Geschichte des Lebens im Verborgenen, als Opfergeschichte, als Geschichte des Versteckens.
Das Projekt Visual History of LGBTIQ+ in Austria and Beyond setzte dieser Perspektive der Unterdrückung eine andere Sichtweise entgegen und widmete sich filmischen Selbstdokumenten: Amateurfilme bzw. Home Movies bildeten die Grundlage. Trotz des bis 1996 bestehenden, auch für Filmaufnahmen geltenden anti-homosexuellen Werbeverbots sowie anhaltender gesellschaftlicher Diskriminierung entstanden zwischen 1900 und 2010 mehrere Tausend filmische Dokumente innerhalb der LGBTIQ*-Community, die in Alltag und Kontexte sozialer Bewegungen und Aktivismen führen.
Ein Großteil dieser Filme mit queerem Point-of-View konnte – in Kooperation mit dem Österreichischen Filmmuseum, der Österreichischen Mediathek, dem QWIEN-Zentrum für queere Geschichte und Stichwort-Archiv der Frauen- und Lesbenbewegung – dezentral an diesen Orten gesammelt und gesichert werden. Ziel war es, unter Einbindung von Zeitzeug*innen wie auch Akteur*innen und Aktivist*innen jüngeren Alters auf Grundlage kollektiver Sichtungs- und Entscheidungsprozesse eine geeignete Archivinfrastruktur für dieses ethisch sensible Material zu schaffen. Die Filme und Videos wurden teils durch öffentliche Sammelaufrufe des Filmmuseums in Zusammenarbeit mit QWIEN erworben, teils in queeren Bewegungsarchiven oder anderen Community-Kontexten, etwa der Aids Hilfe Wien, vorgefunden. Angesichts des Wiedererstarkens homo- und transphober, misogyner und rassistischer Kräfte war es notwendig, ein Modell zu entwickeln, das sowohl den Zugang zum Material ermöglicht als auch seinen Schutz vor feindlichem Zugriff gewährleistet.
Das entwickelte Datenverwaltungsmodell bündelt die Kompetenzen mehrerer archivarischer Infrastrukturen und fasst mehrere tausend Objekte in einem Verweissystem zusammen. Es informiert über die Bestände in den einzelnen Partnerarchiven, in denen die Filme nun – je nach Schutzbedarf und Zielgruppe – in unterschiedlichen Abstufungen zugänglich sind, von breiter Öffentlichkeit bis communityintern. Grundlage für die Entscheidung über Zugänglichkeit war eine eigens entwickelte, community-basierten Sichtungsstrategie ("Seherfahrungsräume"), die gemeinsam mit Institutionen wie der Homosexuellen Initiative Wien (HOSI) oder dem Queer Museum Vienna (QMV) umgesetzt wurde.
Parallel zur Neuerschließung von Filmen und Videos wurden bereits archivierte, öffentlich zugängliche Langzeitbestände – darunter sämtliche LGBTIQ*-bezogene Fernsehbeiträge des Österreichischen Rundfunks (ORF) oder einschlägige Ephemera aus queeren Archiven – ins Verweissystem integriert. Aus Gründen des Schutzes wie der Vernachlässigung waren diese Materialien in offiziellen Archiven häufig aufgrund unzureichender Metadaten nur schwer auffindbar oder nicht sichtbar. Sie werden in Form eines Index erstmals niederschwellig zugänglich gemacht.
Rund 1000 der verzeichneten Filme und Videos bildeten schließlich die Grundlage für eine entlang der filmischen Räume rekonstruierte Geschichte von LGBTIQ*. Durch den veränderten Blickwinkel zeigt sich diese Geschichte nicht primär als eine Geschichte der Unterdrückung, sondern als Erzählung von Widerstand, Begehren und Solidarität – in Bildern und Erfahrung. Sie wurde auf Grundlage der in den Seherfahrungsräumen und zahlreichen Sichtungen kollektiv analysierten filmischen und erinnerten Räume geschrieben. Eine Publikation der Ergebnisse ist geplant.
Antragsteller*in und Projektleiter*in
Dr. Katharina Müller (Österreichisches Filmmuseum & IFK Internationales Forschungszentrum Kulturwissenschaften | Kunstuniversität Linz in Wien)
Förderung
Dieses Projekt wurde durch Mittel des FWF Der Wissenschaftsfonds (Elise-Richter-Programm) gefördert.
Durchführungszeitraum
Jänner 2023 bis Dezember 2025





