Einblicke in die Filmsammlung

Depot Hugo Wiener und Cissy Kraner

Das Österreichische Filmmuseum erhielt die private Filmsammlung von Hugo Wiener und Cissy Kraner als Teil des Depots der Wienbibliothek im Rathaus. Die Sammlung beinhaltet einzigartige Filmdokumente zweier zentraler Figuren der österreichischen Unterhaltungskultur der Nachkriegszeit und gewährt Einblicke in die Welt des Kabaretts, der Operette und des Revuetheaters im Wien der 1960er und 1970er Jahre.
 
Hugo Wiener (1904–1993), Autor, Komponist und langjähriger Mitarbeiter von Karl Farkas beim Kabarettensemble Simpl, gehörte zu den einflussreichsten Kabarettautoren im Wien der Nachkriegszeit. Als Darstellerin, Sängerin und Kabarettistin wurde Cissy Kraner (1918–2012) nach 1948 zu einer der bekanntesten Persönlichkeiten in der österreichischen Unterhaltungskultur. Aus ihrer Zusammenarbeit gingen einige unvergessene Werke hervor, darunter das Lied "Der Novak lässt mich nicht verkommen", von Wiener geschrieben und von Kraner interpretiert. Wiener und Kraner, die seit 1943 verheiratet waren, bildeten eine der prägendsten künstlerischen und privaten Partnerschaften der Zweiten Republik und waren in den Bereichen Kabarett, Operette, Revuetheater, Radio und Fernsehen tätig.
 
Hugo Wiener während einer Reise nach Norwegen (aus dem Film Nordland, Norwegen 1968. Amateur-Reisefilm)
Cissy Kraner bei einem Bühnenauftritt mit dem Ensemble Der Würfel (Ausschnitt aus dem Film Kabarettauftritt des Würfel-Ensembles. Wien 1967)
Die Sammlung besteht hauptsächlich aus stummen Amateurfilmen in den Formaten 8mm und Super8, in Schwarz-weiß und in Farbe, die zwischen den frühen 1960er und den 1970er Jahren entstanden sind. Die Materialien umfassen Aufnahmen von Kabarett- und Operettenaufführungen, Reisefilme, Aufnahmen aus dem Privatleben, Blicke hinter die Kulissen von Filmproduktionen sowie eine Tonaufnahme der Radiosendung "Wiener Brettl". Gemeinsam zeichnen sie ein Bild von Wiener und Kraner, sowohl als Künstler- als auch als Ehepaar – zu Hause, auf der Bühne und auf Reisen.

Zu den bedeutendsten Teilen der Sammlung zählen mehrere Amateuraufnahmen von Bühnenaufführungen des Ensemble Simpl und der Kabarettgruppe Der Würfel. Diese Filme wurden aus dem Publikum heraus auf Schmalfilm gedreht und wahrscheinlich von Hugo Wiener selbst aufgenommen. Sie zeigen Fragmente von Aufführungen, die in institutionellen Archiven nur unvollständig erhalten sind und sonst vornehmlich durch Drehbücher, Kritiken, Fotografien und andere papierbasierte Quellen dokumentiert sind. Trotz der technischen Einschränkungen aufgrund der dunklen Lichtverhältnisse und der unruhigen Kameraführung liefern sie seltene Einblicke in Inszenierung, Kostümgestaltung, Bewegungsabläufe und Auftrittspraktiken der Wiener Kabarettszene.
 
Mehrere Filme dokumentieren Produktionen im Umfeld des Simpl, einer der wichtigsten Institutionen des österreichischen Kabaretts nach 1950. Aufnahmen von Revuen wie Wer mit wem? (1962) und Wir gehen fremd! (1964), geschrieben von Karl Farkas und Hugo Wiener, bewahren Einblicke in Aufführungen von Cissy Kraner an der Seite von Maxi Böhm, Ossy Kolmann, Elly Naschold, Fritz Muliar und anderen. Andere Filme zeigen spätere Produktionen wie das Jubiläumsprogramm 60 Jahre jung (1972), das nach dem Tod von Karl Farkas inszeniert wurde, als das Ensemble unter der Leitung von Maxi Böhm weitergeführt wurde und Hugo Wiener als Autor zurückkehrte. Filmaufnahmen des Würfel, die vermutlich um 1966–1967 im Theater im Savoy gedreht wurden, dokumentieren einen parallelen Strang der Wiener Kabarettkultur mit Künstlerinnen und Künstlern wie Günter Tolar, Peter Lodynski, Herwig Seeböck und Cissy Kraner. Zusammen spiegeln diese Aufnahmen die Vielfalt der Wiener Kabarettszene in einer Zeit wider, in der das Kabarett eine zentrale Rolle zwischen Satire, politischem Kommentar und musikalischer Unterhaltung einnahm.

Wer mit wem? Ein Revue von Karl Farkas und Hugo Wiener, 1962
 
Die Sammlung enthält neben Aufnahmen vom Kabarett auch Material von Film- und Operettenproduktionen, darunter Einblicke hinter die Kulissen von Wenn die kleinen Veilchen blühen (1968) und Die Landstreicher (1967) sowie Aufnahmen von Aufführungen an der Volksoper Wien und den Bregenzer Festspielen. Besonders hervorzuheben sind Aufnahmen der Inszenierungen Die Csárdásfürstin und Frühjahrsparade, einer Adaption Hugo Wieners für die Volksoper 1964. Diese Filme verdeutlichen die Breite des Werks von Wiener und Kraner, das jenseits des Kabaretts bis zu Operette, Film und Theater reichte.
 
Aufnahmen hinter den Kulissen vom Filmset Wenn die kleinen Veilchen blühen, Graz, 1968
 
Die Sammlung gewährt zudem Einblicke in das Privatleben und die Urlaubsreisen des Paares. Mehrere Filme sind im Garten der Villa Rauhenstein in Baden angesiedelt, wo Wiener und Kraner Gäste empfangen und ihre Umgebung dokumentieren. Seite an Seite mit den Aufnahmen von Bühnenstücken verorten solche Filme die Sammlung zwischen Home-Move-Praxis und der filmischen Selbstdokumentation eines prominenten künstlerischen Paares und offenbaren dabei Aspekte des Alltags, die in öffentlichen Darstellungen ihrer Karrieren weitgehend fehlen. Weitere Filme dokumentieren die Reisen durch Österreich, Italien, Norwegen, Israel, Griechenland, Malta, die Türkei und die Sowjetunion und spiegeln sowohl die Urlaube des Paares wider als auch die Reisen, die sie im Rahmen ihrer künstlerischen Tätigkeit unternahmen.
 
Villa Rauhenstein, Gartenbesuch mit Fotograf. Baden, 1964. Amateurfilm
 
Sizilien, Schiff 1969. Amateur-Reisefilm
 
Insgesamt betrachtet bildet die Wiener-Kraner-Sammlung eine vielgestaltige audiovisuelle Sammlung, angesiedelt zwischen persönlicher Erinnerung und Kulturgeschichte. Als Amateuraufnahmen von Bühnenaufführungen, Reisen und Alltagsszenen enthalten die Filme Aspekte der Wiener Theater- und Unterhaltungskulturszene, die in institutionellen Archiven und schriftlichen Quellen häufig fehlen. Gleichzeitig bieten sie eine seltene Perspektive auf das berufliche und private Leben eines der einflussreichsten österreichischen Künstlerpaare und auf die kulturelle Umgebung, die das Wiener Kabarett der Nachkriegsjahrzehnte florieren ließ. (Dakota Tutunaru)
 
Mit freundlicher Genehmigung der Hugo Wiener Privatstiftung


Dakota Tutunaru absolvierte von Dezember 2025 bis September 2026 ein Praktikum in der Filmsammlung des Österreichischen Filmmuseums. Die Filmsammlung von Hugo Wiener und Cissy Kraner war eine der Sammlungen aus dem Bestand der Wienbibliothek, an denen sie während ihres Praktikums arbeitete.